Der »2026 FIFA World Cup« wird nicht nur zum größten Turnier der WM-Geschichte, sondern auch zu einem sicherheitspolitischen Härtetest. Je größer das Ereignis, desto breiter die Angriffsfläche für potenzielle, terroristische Spielverderber: Nicht das Stadion selbst steht dabei im Zentrum der Sorge, sondern vor allem das Umfeld der Spiele – also jene Orte, an denen sich Menschenmassen ungelenkt durcheinander bewegen, warten, zuschauen (Public Viewing) und feiern.
Genau hier setzt auch eine aktuelle Analyse des ›Center for Strategic and International Studies‹ (CSIS) an. Der US-amerikanische Thinktank beschreibt die WM als ein Ziel, das für sehr unterschiedliche Täter attraktiv sein könne: für radikalisierte Einzeltäter ebenso wie für kleine Terrorzellen, für ideologisch motivierte Extremisten ebenso wie für staatlich oder kriminell gesteuerte Akteure (Agents provocateurs, False flag). Das gemeinsame Muster ist dabei weniger ein hochkomplexer Großanschlag als vielmehr die Suche nach einem weichen Ziel mit hoher Symbolwirkung.
Die verwundbaren Räume
Wer die Gefahrenlage nüchtern betrachtet, erkennt schnell: Die eigentlichen Schwachstellen des Großereignisses liegen nicht hinter den Sicherheitszäunen, sondern davor und daneben. Warteschlangen an den Stadionzugängen, Fan-Zonen, öffentliche Verkehrsknoten, Hotelviertel, Bars, Restaurants und Straßen rund um die Spielorte bilden genau jene Räume, in denen sich viele Menschen auf engem Raum treffen, ohne die Schutzmechanismen eines Stadions zu haben.
Das macht diese Orte nicht automatisch zum Ziel, aber sie sind aus Sicht eines potenziellen Täters besonders attraktiv. Ein Anschlag dort könnte vergleichsweise einfach umgesetzt werden und dennoch große Wirkung entfalten – nicht nur durch direkte Opfer, sondern auch durch Panik, Gedränge und Fluchtbewegungen. Bei Großveranstaltungen ist genau das oft der zweite, manchmal sogar der noch schwerere Schaden.
Die Erfahrung mit früheren Anschlägen auf Sport- und Massenveranstaltungen zeigt dieses Muster immer wieder. Es geht Terroristen nicht nur um Zerstörung, sondern um Aufmerksamkeit, Verunsicherung und mediale Überwältigung. Ein Angriff auf einen Ort, der per Fernsehen in Abermillionen Wohnzimmer übertragen wird und an dem Zehntausende gleichzeitig anwesend sind, erfüllt genau diesen Zweck.
Das wahrscheinlichste Szenario
Die größte Gefahr für die WM 2026 liegt nach dieser Logik nicht in einem spektakulären, professionell orchestrierten Kommandounternehmen. Wahrscheinlicher ist ein einfacher, aber brutaler Angriff durch einen Einzeltäter oder eine kleine Gruppe. Verwendet werden könnten dabei vor allem Schusswaffen, Fahrzeuge oder improvisierte Sprengsätze (IED bzw. USBV).
Das klingt unspektakulär, ist aber gerade deshalb gefährlich. Solche Täter brauchen keine komplexe Logistik, keine längere Ausbildung und keine internationale Infrastruktur. Sie nutzen das, was ihnen offensteht: öffentliche Räume, dichte Menschenmengen und eine Lage, in der eine rasche Reaktion schwierig ist. Genau diese Kombination macht sie für Sicherheitsbehörden so schwer berechenbar.
Hinzu kommt, dass viele dieser potenziellen Täter nicht nur ideologisch, sondern auch spontan handeln. Sie suchen nach einem Ereignis, das maximal sichtbar ist. Die WM bietet – wie München 1972 – dafür ideale Bedingungen: weltweite Aufmerksamkeit, enorme Besucherströme und eine über Wochen hinweg anhaltende öffentliche Präsenz in vielen Ländern.
Fan-Zonen unter Druck
Besonders sensibel sind die Fan-Zonen. Sie gehören sportlich zur guten Stimmung eines Turniers, aus Sicht der Sicherheit sind sie jedoch problematisch, weil sie große Menschenmengen mit vergleichsweise lockeren Zugangskontrollen verbinden. Was als offener, festlicher Raum gedacht ist, kann genau deshalb verwundbar sein.
Anders als im Stadion selbst gibt es dort oft keine vollständige Eingangskontrolle, keine geschlossene Perimeterstruktur¹ und keine flächendeckende Schutzarchitektur. Wer angreifen will, findet hier die Gelegenheiten, die er sucht. Dazu kommt die symbolische Komponente: Fan-Zonen bündeln bestimmte Gruppen, nationale Identitäten und emotionale Aufladung an einem Ort. Das erhöht nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch das mögliche Motiv für Täter, die mit einer Botschaft zuschlagen wollen.
¹Der Perimeterschutz umfasst als ganzheitliches Sicherheitskonzept meist verschiedene Schutzebenen, d.h. alle physischen und technischen Maßnahmen zur Sicherung der Außengrenzen eines Grundstücks oder Gebäudes: z.B. physische Barrieren wie Zäune, Mauern, Tore, Sicherheitsschleusen, versenkbare Poller und Betonbarrieren; Videoüberwachung (Kameratürme, Wärmebildkameras, KI-gestützte Videoanalyse); Sensorik (Zaunerkennungssysteme, unterirdische Erdkabelsensoren, Infrarot-Lichtschranken, Mikrowellenbarrieren usw.) sowie Zutrittskontrolle.
Gerade bei politisch aufgeladenen oder gesellschaftlich sensiblen Themen kann das gefährlich werden. Ein Ort, der eigentlich Zugehörigkeit und Gemeinschaft ausdrücken soll, kann für Extremisten genau deshalb zum Ziel werden.
Mobilität und Alltag als Risiko
Der zweite Schwachpunkt umfasst den täglichen Bewegungsradius der Zuschauer. Wer eine Weltmeisterschaft mit Dutzenden Spielorten organisiert, schafft automatisch ein riesiges Netz an Wegen, Knotenpunkten und Aufenthaltsorten. Fans reisen mit dem Flugzeug, der Bahn oder dem Bus, in den Städten mit dem ÖPNV, gehen zu Fuß durch Innenstädte, treffen sich vor Hotels oder verbringen den Abend in Lokalen.
Diese alltäglichen Räume sind sicherheitstechnisch noch schwerer zu kontrollieren als jedes Stadion. Genau deshalb gelten sie als besonders relevant. Ein Täter muss hier keine Zugänge zu irgendeinem Gelände überwinden, er braucht nur die Fähigkeit – und das Motiv, im richtigen Moment an einem öffentlichen Ort zuzuschlagen.
Es geht also nicht nur darum, Eintrittskarten, Ränge und Spielflächen zu schützen. Entscheidend ist auch der Raum dazwischen: die Wege, Übergänge und Sammelpunkte, an denen sich das Turnier überhaupt erst in Bewegung setzt. Und das ist es, was jeder einzelne Fan, und jeder einzelne Besucher, zum Eigenschutz berücksichtigen sollte.
Welche Motive mitspielen könnten
Die mögliche Bedrohung, das zeigen alle Erfahrungen, ist nicht auf einen einzigen ideologischen Täterkreis begrenzt. Denkbar sind dschihadistische und antikapitalistische Akteure ebenso wie staatsfeindliche Extremisten, rassistische Gewalttäter oder Aktivisten, die politische oder internationale Konflikte – von denen es zurzeit mehr als genug gibt – auf die WM-Bühne zerren wollen.
Gerade die WM 2026 könnte für solche Täter zusätzlichen Reiz haben, da sie in einem politischen und gesellschaftlichen Umfeld stattfindet, das bereits stark polarisiert ist. Wo sich internationale Symbolik, nationale Debatten und öffentliche Sichtbarkeit überlagern, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Täter ein eigenes Narrativ zurechtlegt. Die WM wäre dann nicht nur Sportveranstaltung, sondern Projektionsfläche.
Auch die Rolle von ausländischen Akteuren darf man nicht völlig ausblenden. Staaten oder staatsnahe Gruppen könnten ein Interesse daran haben, Unruhe zu stiften, die Gastgeber zu blamieren oder die Wirkung eines geopolitischen Konflikts bis in die Turniermonate hineinzutragen. Solche Szenarien gelten zwar als weniger wahrscheinlich wie das eines inländischen Einzeltäters, aber sie vervollständigen das Gesamtbild.
Warum das Stadion selbst robuster ist
Trotz allem ist die Gefährdungslage nicht gleichmäßig verteilt. Die Fußballstadien selbst werden besonders stark gesichert sein, mit Perimeterschutz, Kontrollen, koordinierter Geheimdienstlage und hoher Präsenz verschiedener Behörden. Gerade die großen Final- und Spitzenspiele dürften zu den am besten geschützten Veranstaltungen des Jahres zählen.
Genau diese Verschiebung ist für das Verständnis der Lage wichtig: Nicht der Rasen ist das Problem, sondern die Wege dorthin. Nicht das Innere der Arena, sondern die Übergänge in die Arena hinein. Wer das übersieht, unterschätzt die eigentliche Herausforderung.
Die sicherheitspolitische Lehre
Die WM 2026 wird am Ende auch daran gemessen werden, was nicht passiert ist. Gelingt sie ohne schwere Zwischenfälle, wird das Ergebnis als Erfolg des Sicherheitsapparats erscheinen – gerade weil sich gute Prävention meist unsichtbar vollzieht. Hinter dieser Unsichtbarkeit steckt allerdings ein enormer Aufwand: zwischenstaatliche Koordination, Lagebilder, Schutzkonzepte für Fan-Zonen, Kontrolle der Mobilität und dauerhafte Überwachung potenzieller Gefährder.
Die Sicherheitsarchitektur ist also vorhanden, aber sie muss in einem außergewöhnlich weiten Raum funktionieren. Genau das macht das Turnier so anspruchsvoll. Es ist nicht ein Standort zu schützen, sondern eine ganze Kette von Orten, Zeiten und Bewegungen über Wochen hinweg.
Am Ende bleibt eine zwiespältiger Befund: Die konkrete Anschlagsgefahr ist real, aber sie ist nicht überwältigend. Am wahrscheinlichsten sind begrenzte, den unbeobachteten Augenblick nutzende Angriffe auf weiche Ziele (Menschen). Die beste Antwort darauf ist eine Sicherheitslogik, die nicht nur das Stadion denkt, sondern das gesamte Umfeld des Turniers.
© Jörg Nubert & Wolfgang Koestner GbR, ›Geschäftsreise News‹, Foto: Koestner. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend AI eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

