Mosambiks vergessener Krieg: Der Kampf um Cabo Delgado und die Vision eines Kalifats

Während die internationale Aufmerksamkeit häufig auf die Konflikte im Nahen Osten oder in der Sahelzone gerichtet ist, hat sich im äußersten Norden Mosambiks ein dschihadistischer Aufstand zu einer der schwerwiegendsten Sicherheitskrisen des südlichen Afrika entwickelt. In der Provinz Cabo Delgado kämpfen islamextremistische Milizen seit 2017 gegen den mosambikanischen Staat. Nach Einschätzung von António Juliasse, dem Bischof von Pemba (Hauptstadt der Provinz Cabo Delgado), verfolgen die Aufständischen inzwischen offen das Ziel, in der Region ein Kalifat nach dem Vorbild des sogenannten »Islamischen Staates« (IS) zu errichten. Dies gehe nicht mehr nur aus ideologischen Bekundungen hervor, sondern werde gegenüber Entführten und Bewohnern der betroffenen Gebiete ausdrücklich kommuniziert.

Der Konflikt begann zunächst als bewaffneter Aufstand gegen staatliche Einrichtungen. In den vergangenen Jahren hat sich die Gewalt jedoch zunehmend gegen die Zivilbevölkerung und insbesondere gegen christliche Gemeinschaften gerichtet. Nach Angaben des Bistums Pemba wurden mehr als 300 Katholiken getötet, zahlreiche Opfer enthauptet und mindestens 117 Kirchen zerstört. Selbst historische Gotteshäuser und kirchliche Einrichtungen, darunter Kindergärten und Pfarrzentren, gerieten ins Visier der Angreifer.

Die Entwicklung passt zu den Erkenntnissen des Länderprofils von Open Doors. Demnach verfolgt die islamextremistische Bewegung »Ahlu-Sunna wa-Jama‘a« (ASWJ), die international als mit dem IS verbunden gilt, eine ideologische Agenda, die auf die Durchsetzung einer radikalen Auslegung islamischen Rechts abzielt. Christen werden dabei ausdrücklich als Gegner betrachtet. Die Organisation rief wiederholt zur Beseitigung christlicher Symbole auf und griff christliche Siedlungen, Kirchen und religiöse Einrichtungen an.

Besonders bemerkenswert ist die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas in Cabo Delgado. Bischof Juliasse beschreibt, wie jahrzehntelang funktionierende Beziehungen zwischen Christen und Muslimen zunehmend unter dem Einfluss extremistischer Propaganda zerbrechen. Wo früher gegenseitige Teilnahme an Beerdigungen und religiösen Festen selbstverständlich gewesen sei, entstünden nun Misstrauen und gesellschaftliche Spaltungen. Die eigentliche Gefahr liege deshalb nicht allein in den militärischen Angriffen, sondern auch in der Verbreitung einer Hassideologie, welche die religiöse Vielfalt der Region untergrabe.

Die Ursachen des Konflikts reichen jedoch über religiösen Extremismus hinaus. Open Doors verweist auf ein komplexes Geflecht aus islamextremistischem Terrorismus, organisierter Kriminalität, Korruption und schwacher Staatlichkeit. Cabo Delgado liegt an einer strategisch wichtigen Küste des Indischen Ozeans. Die Region dient internationalen Schmuggelnetzwerken als Transitkorridor für Drogen, Waffen und andere illegale Güter. Nach Einschätzung von Sicherheitsexperten finanzieren sich die dschihadistischen Gruppierungen teilweise über diese kriminellen Strukturen. Dadurch entsteht eine Allianz zwischen ideologisch motivierten Kämpfern und wirtschaftlich orientierten Netzwerken, die von der staatlichen Instabilität profitieren.

Hinzu kommt die internationale Dimension des Aufstands. Die ASWJ wird von zahlreichen Beobachtern als Teil des globalen Netzwerks des »Islamischen Staates« betrachtet. Laut Open Doors standen koordinierte Angriffe in Cabo Delgado im Zusammenhang mit einer IS-Kampagne, die sich ausdrücklich gegen Christen richtete. Trotz militärischer Erfolge ruandischer Truppen sowie von Kontingenten der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) konnte die Bewegung bislang nicht dauerhaft zerschlagen werden. Nach dem Abzug der SADC-Truppen im Jahr 2024 blieb die Sicherheitslage fragil.

Die humanitären Folgen sind verheerend. Seit Beginn der Rebellion wurden mehr als 6.300 Menschen getötet, über eine Million Einwohner mussten ihre Heimat verlassen. Ganze Dörfer wurden zerstört, zahlreiche Familien leben bis heute in Flüchtlingslagern oder provisorischen Unterkünften. Besonders gefährdet sind Frauen und Kinder. Berichte sprechen von Entführungen, Zwangsverheiratungen, sexueller Gewalt und Zwangsrekrutierungen. Junge Männer werden von den Milizen häufig zum Kampf gezwungen, während ältere Männer oftmals getötet werden.

Gleichzeitig zeigt der Konflikt die Grenzen rein militärischer Lösungsansätze auf. Bischof Juliasse warnt davor, den Krieg ausschließlich als Sicherheitsproblem zu betrachten. Viele der Kämpfer seien Mosambikaner, »Söhne dieses Landes«, wie er formuliert. Langfristige Stabilität könne deshalb nur entstehen, wenn neben militärischen Maßnahmen auch politische und gesellschaftliche Antworten gefunden würden. Der Dialog zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen müsse wiederhergestellt werden, um der Radikalisierung den sozialen Nährboden zu entziehen.

Mosambik steht damit exemplarisch für eine Entwicklung, die in mehreren Teilen Afrikas zu beobachten ist: Dschihadistische Bewegungen versuchen nicht nur Territorien zu kontrollieren, sondern alternative Herrschaftsordnungen zu etablieren. Das von den Extremisten propagierte Kalifat in Cabo Delgado wäre nicht lediglich ein Symbolprojekt, sondern der Versuch, staatliche Strukturen durch eine religiös legitimierte Parallelordnung zu ersetzen. Die Ereignisse im Norden Mosambiks verdeutlichen, dass islamischer Extremismus längst kein ausschließlich nahöstliches Phänomen mehr ist. Er hat sich zu einer transnationalen Herausforderung entwickelt, deren Auswirkungen weit über die Grenzen eines einzelnen Staates hinaus- – und über Afrika bis nach Europa hineinreichen.

© RiskCompass ›Strategic Horizon Report‹. Foto: Pixabay. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend AI eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

 

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