Die Maschinenstürmer des frühen 19. Jahrhunderts reagierten auf den Verlust ihrer Existenzgrundlage mit Gewalt gegen die Technik. Die Parallelen zur Gegenwart sind offensichtlich: Sabotage, digitale Angriffe, politische Radikalisierung könnten moderne Formen dieser Reaktion sein.
Während die KI-Revolution voranschreitet, wächst nicht nur die Begeisterung für ihre Potenziale, sondern auch der Widerstand. In den USA schlagen Behörden jetzt Alarm vor einer neuen Bedrohungskategorie: dem »Anti-Tech-Extremismus«. Gleichzeitig dokumentiert eine europäische Analyse Serien von Sabotageakten und Anschlägen, die eine fragmentierte, aber konvergierende (sich einander annähernde) Bewegung andeuten.
Zwei aktuelle Berichte – ein investigativer WIRED-Artikel und eine Studie des niederländischen ›International Centre for Counter-Terrorism‹ (ICCT) – beleuchten das Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven und werfen grundlegende Fragen zur Balance zwischen Sicherheit und bürgerlichen Freiheiten auf.
Der WIRED-Bericht basiert auf über 1.000 Seiten interner Dokumente von z.B. FBI und Department of Homeland Security (DHS). Er beschreibt, wie US-Behörden eine breite Überwachung von Personen und Gruppen einleiten, die mit Kritik an KI, Rechenzentren und Tech-Konzernen in Verbindung gebracht werden. Auslöser sind Proteste gegen den Bau von Rechenzentren in Wohngebieten, Sorgen um Arbeitsplatzverluste durch KI und vereinzelte Gewalttaten, darunter Angriffe auf CEOs von Tech-Unternehmen. Neu ist der Begriff »anti-tech violent extremism«, der eine heterogene Mischung aus Ideologien unter einem Dach zusammenfasst.
Die Berichte verknüpfen diese Entwicklung mit der Politik der Trump-Administration, insbesondere dem ›National Security Presidential Memo 7‹, das »anti-amerikanische«, »anti-christliche« und »anti-kapitalistische« Haltungen ins Visier nimmt. Kritiker wie der NAACP-Anwalt Spencer Reynolds warnen vor einer gefährlichen Ausweitung: Vage Indikatoren wie »Beobachtung«, »Fotografie« oder »geäußerte Drohungen« könnten friedliche Demonstranten, Stadtteilinitiativen gegen Rechenzentren oder selbst KI-Skeptiker kriminalisieren. Beispiele reichen von der Überwachung von »Tesla-Takedown-Protesten« bis hin zur Einstufung des Videos einer »progressiven NGO« über Umweltschäden durch KI-Rechenzentren als potenzielles Bedrohungsszenario.
Der ICCT-Artikel hingegen konzentriert sich auf konkrete Gewaltvorfälle in Europa sowie Nordamerika und analysiert die ideologischen Treiber. ICCT-Experte Mauro Lubrano, Autor des Buches »Stop the Machines: The Rise of Anti-Technology Extremism«, skizziert die Vorfälle chronologisch: Brandanschläge auf KI-Campus-Baustellen (z.B. Equinix in Frankreich), Sabotage von Stromkabeln durch die Vulkangruppe in Deutschland, die Verhaftung eines vom Unabomber Ted Kaczynski inspirierten Influencers in Rom oder der Brandanschlag auf das Haus von OpenAI-Chef Sam Altman im April 2026.
Gemeinsame ideologische Wurzeln
Beide Texte identifizieren Überschneidungen zu klassischen Motiven: dem Unabomber Ted Kaczynski als Inspirationsfigur, »anarcho-primitivistischen« Ideen, die Zivilisation als Unterdrückungssystem ablehnen, und einer Mischung aus linken (insurrektionistische Anarchisten, Eco-Extremisten) und rechten (Eco-Faschisten) Strömungen. Als Ziele werden sowohl die Repräsentanten des Tech-Systems (Forscher, CEOs) ins Visier genommen als auch die kritische Infrastruktur (Stromnetze, Datenzentren, Bahnlinien) insgesamt. Die Gewalt folgt oft dem Prinzip der »Propaganda der Tat¹« und einer »akzelerationistischen Logik²«, die den Zusammenbruch der technologischen Zivilisation beschleunigen soll.
¹Enttäuscht von der Mühe in der politischen Ebene und ernüchtert von der begrenzten Wirkung der herkömmlichen Propaganda durch Massenversammlungen, Plakate, Zeitungen, Flugblätter, »mutmaßten« die Anarchisten des 19. Jahrhunderts, dass ein einziger Terroranschlag mehr Aufmerksamkeit und propagandistische Durchschlagskraft entwickle als tausend Flugblätter. Als Urheber des Begriffs und des Konzepts einer »Propaganda der Tat« wird auf den französischen Anarchisten Paul Brousse verwiesen.
²Politisches oder philosophisches Konzept der Beschleunigung (von lat. accelerare), das davon ausgeht, dass man kapitalistische oder technologische Prozesse nicht aufhalten kann, sondern sie extrem vorantreiben muss, um radikale gesellschaftliche Veränderungen oder den Systemkollaps herbeizuführen.
Während WIRED den Fokus auf mögliche Überreaktionen der Behörden legt und die Politisierung der Überwachung unter Trump kritisiert, bleibt Lubrano analytisch-nüchterner. Er erkennt eine reale, wenn auch noch fragmentierte Eskalation an – von Sabotageakten mit Millionenschäden bis hin zu gezielten Anschlägen – warnt aber eindringlich vor einer pauschalen Gleichsetzung von Technologiekritik und Extremismus. Viele Sorgen um Arbeitsplätze, Umweltfolgen von KI-Datenzentren oder existenzielle KI-Risiken seien legitim und weit verbreitet.
Gegenmaßnahmen und Ausblick
Lubrano schließt mit konkreten Empfehlungen, die als Leitlinie für einen ausgewogenen Umgang dienen können. Er fordert eine klare Unterscheidung: Nicht jede Kritik ist extremistisch, nicht jeder radikale Diskurs gewalttätig. Stattdessen müssten Regierungen, Tech-Unternehmen und die Bürger die Ursachen angehen – durch bessere Regulierung, Transparenz, Rechenschaftspflicht und gesellschaftliche Debatten über den Einfluss von KI. Gleichzeitig seien gezielte Sicherheitsmaßnahmen nötig: Schutz kritischer Infrastruktur (KRITIS) durch Redundanz und Resilienz, Bedrohungsanalysen für Führungskräfte und eine bessere datenbasierte Erfassung des Phänomens, das bisher oft unter anderen Kategorien (linksextrem, umweltaktivistisch) verbucht wird.
Im WIRED-Artikel wird diese Perspektive mit einem historischen Warnhinweis ergänzt: Ähnliche Überwachungswellen trafen bereits Bewegungen wie ›Black Lives Matter‹ oder ›Occupy‹. Eine zu breite »Anti-Tech«-Schublade drohe, demokratische Opposition zu unterdrücken und damit genau die Narrative zu stärken, die den Extremisten nutzen.
Zusammengefasst stehen beide Berichte für ein Dilemma der Gegenwart: Die rasante technologische Transformation erzeuge reale Ängste und vereinzelte Gewalt, die ernst genommen werden müssten. Gleichzeitig berge eine übermäßige Verdachts-Debatte die Gefahr, legitime Kritik zu marginalisieren und das Vertrauen in Institutionen weiter zu erodieren.
Ob die westlichen Gesellschaften den schmalen Grat zwischen Schutz und Freiheit finden, wird maßgeblich darüber entscheiden, wie die KI-Ära gesellschaftlich verankert wird. Die aktuelle Dynamik deutet auf eine anhaltende Spannung hin – mit Potenzial für weitere Eskalation, aber auch für konstruktive Gegensteuerung.
© Jörg Nubert & Wolfgang Koestner GbR, ›Geschäftsreise News‹, Foto: Pixabay. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend AI eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

