Die EU – eingeklemmt zwischen den Imperien
Die EU ist zwar nicht Europa. Aber die Weltordnung, die sie groß gemacht hat, zerfällt gerade auf dem Boden der überholten Ideen ihrer Architekten und deren Epigonen. Jahrzehntelang konnte die Europäische Union auf ein geopolitisches Arrangement bauen, das ihr historisch außergewöhnliche Bedingungen bescherte: militärischen Schutz durch die Vereinigten Staaten (auf Kosten einer möglichen atomaren Auslöschung Deutschlands), Zugang zu offenen Weltmärkten, billige Energie, stabile Lieferketten und eine internationale Finanzordnung, die von Washington diktiert wurde. Europa musste seine Macht nie vollständig selbst organisieren. Wohlstand war möglich, ohne geopolitisch denken zu müssen.
Diese Epoche geht zu Ende
Der »Florence Report« des »European University Institute« in Fiesole bei Florenz beschreibt die gegenwärtige Lage nicht als vorübergehende Krise, sondern als fundamentalen Systemwechsel. Die Autoren des 570-seitigen Reports argumentieren, dass die Europäische Union heute weniger vor einer wirtschaftlichen Herausforderung steht als vor einer historischen Bewährungsprobe: Kann sie in einer Welt konkurrierender Großmächte zu einem eigenständigen geopolitischen Akteur werden, oder bleibt sie ein – bestenfalls – wohlhabender Wirtschaftsraum, dessen Schicksal zunehmend von anderen bestimmt wird?
Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur die Zukunft EU-Europas prägen. Sie entscheidet auch darüber, wie die internationale Ordnung des 21. Jahrhunderts aussehen wird.
Das Ende der US-amerikanischen Welt
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die westliche Ordnung auf einem bemerkenswerten Paradox aufgebaut. Die Vereinigten Staaten stellten – nach Ansicht der Autoren – öffentliche Güter für das gesamte internationale System bereit. Sie garantierten militärische Sicherheit, stabilisierten Handelswege, sicherten (sich) den Dollar als Weltreservewährung und wirkten in Krisenzeiten als ökonomischer Anker. – Europa profitierte von diesem Arrangement in besonderem Maße.
Während Washington enorme Ressourcen in Verteidigung und globale Machtprojektion investierte, konnten die europäischen Staaten ihre Aufmerksamkeit auf wirtschaftliche Integration, soziale Sicherungssysteme und die Vollendung des Binnenmarktes richten. Die europäische Einigung war daher nicht nur ein politisches Projekt. Sie war auch ein Produkt außergewöhnlich günstiger geopolitischer Rahmenbedingungen. Doch genau diese Rahmenbedingungen verändern sich nun grundlegend.
Die Vereinigten Staaten verfolgen zunehmend eine Politik, die nicht mehr auf die Stabilisierung einer liberalen Weltordnung ausgerichtet ist. Stattdessen gewinnt eine Logik an Bedeutung, die nationale Vorteile über multilaterale Verantwortung stellt. Handelszölle, industriepolitische Subventionen, geopolitischer Druck auf Verbündete und eine offen transaktionale Außenpolitik markieren einen tiefgreifenden Wandel amerikanischer Strategien.
Der Florence Report beschreibt diesen Prozess als Übergang von der Hegemonie zum Primat. Die USA bleiben noch die mächtigste Nation der Welt. Doch sie verstehen ihre Macht zunehmend als Instrument zur Durchsetzung eigener Interessen und immer weniger als Grundlage einer gemeinsamen Ordnung.
Für Europa ist dies eine strategische Zäsur. Die Frage lautet nicht mehr, wie Europa innerhalb einer von den USA gestalteten Welt agiert. Die Frage lautet, wie Europa handelt, wenn die bisherigen Garantien dieser Weltordnung schwinden.
China und die Rückkehr der Machtpolitik
Parallel zum amerikanischen Wandel hat die VR China den Aufstieg zur zweiten globalen Supermacht vollendet. Aber anders als die Vereinigten Staaten stützt Peking seinen Einfluss nicht primär auf militärische Bündnisse oder internationale Institutionen. Chinas Macht entsteht aus industrieller Größe, technologischer Kontrolle und wirtschaftlicher Vernetzung. In zahlreichen strategischen Lieferketten besitzt das Land inzwischen Positionen, die weit über klassische Handelsbeziehungen hinausgehen. Seltene Erden, Batterien, Solarmodule, Telekommunikationsinfrastruktur, industrielle Vorprodukte und digitale Plattformen bilden ein Geflecht wirtschaftlicher Abhängigkeiten, das geopolitisch nutzbar geworden ist. Damit verändert sich auch die Natur internationaler Konflikte.
Geopolitik wird heute nicht mehr ausschließlich mit Armeen, Raketen und Kriegsschiffen betrieben. Sie wird über Häfen, Datenzentren, Halbleiterfabriken, Zahlungsnetzwerke und Lieferketten ausgetragen. Wirtschaftliche Verflechtung, einst als Friedensgarantie gefeiert, wird zunehmend zur Quelle strategischer Verwundbarkeit.
Für Europa ergibt sich daraus eine paradoxe Situation. Der Kontinent ist tief in die globale Wirtschaft integriert und verdankt dieser Integration einen erheblichen Teil seines Wohlstands. Gleichzeitig macht genau diese Offenheit ihn anfällig für Druck von außen. Die europäische Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten sowie von US-amerikanischen Sicherheitsgarantien als auch von Energielieferungen, ist deshalb längst nicht mehr nur eine wirtschaftliche Frage. Sie ist zu einer zentralen Herausforderung EU-europäischer Souveränität geworden.
Die drei möglichen Zukünfte der EU
Die Autoren des Florence Report entwickeln mehrere geopolitische Szenarien für die kommenden Jahre. Sie unterscheiden sich in Details, führen aber alle zu derselben grundlegenden Erkenntnis: Die EU kann nicht mehr davon ausgehen, dass die strategischen Bedingungen der Vergangenheit zurückkehren. Im günstigsten Szenario gelingt es ihr, die eigene wirtschaftliche Stärke in politische Handlungsfähigkeit zu übersetzen. Die Mitgliedstaaten koordinieren Investitionen, stärken gemeinsame Verteidigungsstrukturen, integrieren ihre Kapitalmärkte und entwickeln eine kohärente Industriepolitik. Die EU bleibt eng mit den Vereinigten Staaten verbunden, gewinnt jedoch größere strategische Eigenständigkeit.
Ein zweites Szenario zeichnet ein deutlich schwierigeres Bild. Die Welt entwickelt sich zu einem System konkurrierender Machtblöcke. Die USA und China dominieren die wichtigsten technologischen und wirtschaftlichen Netzwerke, während EU-Europa zunehmend gezwungen wird, zwischen beiden Seiten zu wählen. Der Kontinent bleibt wohlhabend, verliert jedoch erheblichen Einfluss auf die Gestaltung globaler Regeln.
Am problematischsten wäre aus der Perspektive der Autoren ein Szenario fortschreitender europäischer Fragmentierung. Nationale Interessen gewinnen die Oberhand, gemeinsame Projekte geraten ins Stocken – oder scheitern, wie das FCAS-Projekt, und die Union verliert die Fähigkeit zu kollektivem Handeln. In einer Welt wachsender geopolitischer Konkurrenz würde Europa dann nicht als Akteur auftreten, sondern als Objekt fremder Strategien.
Die Autoren halten keine dieser Entwicklungen für unvermeidlich. Doch sie machen deutlich, dass die europäische Zukunft weniger von äußeren Ereignissen abhängen wird als von der Fähigkeit der EU-Europäer, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.
Die stille Revolution des amerikanischen Kapitalismus
Eine der bemerkenswertesten Analysen des Berichts beschäftigt sich mit den Veränderungen innerhalb der Vereinigten Staaten selbst. Die Autoren argumentieren, dass die USA nicht nur außenpolitisch, sondern auch wirtschaftlich in eine neue Phase eingetreten sind. Die traditionelle Verbindung zwischen liberalen Märkten, globaler Offenheit und internationaler Führungsrolle wird zunehmend durch ein anderes Modell ersetzt.
Im Zentrum dieser Transformation steht eine neue Allianz wirtschaftlicher Machtzentren. Digitale Plattformkonzerne, Akteure der Kryptowirtschaft, Finanzinvestoren und Teile der fossilen Energieindustrie prägen zunehmend die politische Ökonomie der Vereinigten Staaten. Das Ergebnis ist eine Wirtschaftsordnung, die stärker auf nationale Vorteile, technologische Kontrolle und die Konzentration wirtschaftlicher Macht ausgerichtet ist. Für die EU hätte dieser Wandel weitreichende Folgen.
Lange galt die transatlantische Beziehung als Partnerschaft zwischen zwei ähnlichen politischen und wirtschaftlichen Modellen. Heute werden die Unterschiede größer. Während die EU versucht, Wettbewerb, soziale Sicherung und Regulierung miteinander zu verbinden, entwickelt sich in den USA ein Modell, das Marktmacht und geopolitische Interessen enger miteinander verknüpft. Der Konflikt zwischen beiden Seiten dürfte daher künftig nicht nur sicherheitspolitischer Natur sein. Er würde zunehmend auch um Technologie, Regulierung, Datenhoheit und industrielle Wertschöpfung geführt werden.
Die Verwundbarkeit der offenen Gesellschaft
Eine weitere zentrale These des Florence Report lautet, dass die Instrumente geopolitischer Macht tiefgreifend verändert wurden.
Im 20. Jahrhundert konzentrierte sich Sicherheitspolitik vor allem auf militärische Fähigkeiten. Im 21. Jahrhundert entsteht Macht zunehmend durch Kontrolle über Netzwerke. Wer Halbleiter produziert, kritische Rohstoffe verarbeitet, digitale Plattformen kontrolliert oder Zahlungsinfrastrukturen beherrscht, verfügt über politische Einflussmöglichkeiten, die früher militärischen Mitteln vorbehalten waren. Das Europa der EU besitzt in vielen dieser Bereiche erhebliche Defizite.
Die Union ist wirtschaftlich stark, aber technologisch fragmentiert. Sie verfügt über einen riesigen Binnenmarkt, aber über vergleichsweise wenige globale Digitalkonzerne. Sie ist ein führender Regulierer, aber häufig kein führender Innovator. Sie besitzt noch große finanzielle Ressourcen, kann diese jedoch nur begrenzt in strategische Projekte lenken. Diese Asymmetrie wird zunehmend zum Problem.
So warnen die Autoren davor, wirtschaftliche Offenheit mit strategischer Naivität zu verwechseln. Offene Märkte bleiben ein Kern europäischer Stärke. Doch Offenheit allein garantiert keine Resilienz. In einer Welt geopolitischer Konkurrenz müssen Abhängigkeiten aktiv gemanagt und kritische Kapazitäten gezielt aufgebaut werden.
Europas innere Frontlinie
Die größte Bedrohung für die Zukunft der EU liegt nach Auffassung der Autoren jedoch nicht außerhalb der Union. Sie liegt innerhalb der EU-Länder selbst.
Während die geopolitischen Herausforderungen wachsen, gewinnen in vielen Mitgliedstaaten politische Kräfte an Einfluss, die die europäische Integration skeptisch betrachten. Nationale Identität, kulturelle Konflikte und Souveränitätsdebatten prägen zunehmend den politischen Diskurs. Diese Entwicklung ist nicht bloß eine ideologische Auseinandersetzung. Sie hat unmittelbare wirtschaftliche und geopolitische Konsequenzen.
Denn nahezu alle von der EU zur Bewältigung der neuen Weltlage benötigten Instrumente, setzen mehr Kooperation voraus: gemeinsame Investitionen, koordinierte Industriepolitik, integrierte Kapitalmärkte, abgestimmte Verteidigungsstrategien und gemeinsame außenpolitische Positionen. Je stärker nationale Reflexe dominieren, desto schwieriger wird die Umsetzung solcher Projekte. Insbesondere dann, wenn Projektpartner zwar nicht zahlen, aber »erste Geige« spielen wollen.
Der Florence Report beschreibt dieses Dilemma als zentrale politische Herausforderung der kommenden Jahre. Die ökonomische Logik spricht für mehr Integration. Die politische Dynamik bewegt sich vielerorts in die entgegengesetzte Richtung. Das EU-Konstrukt steht damit vor einem historischen Widerspruch: Ausgerechnet in dem Moment, in dem kollektives Handeln wichtiger wird als je zuvor, wächst – nicht überraschend – die Skepsis gegenüber den Institutionen, die dieses Handeln ermöglichen sollen.
Der Kontinent am Scheideweg
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Florence Report besteht darin, dass die Zukunft der EU nicht durch wirtschaftliche Kennzahlen allein bestimmt wird. Die eigentliche Frage lautet, ob die Europäische Union bereit ist, ihre Rolle in der Welt neu zu definieren. Über Jahrzehnte konnte sie Macht durch Regeln ersetzen. Sie konnte Wohlstand schaffen, ohne geopolitische Verantwortung im gleichen Umfang zu übernehmen wie klassische Großmächte. Dieses Modell war erfolgreich, weil die internationale Ordnung es zuließ.
Doch die Welt verändert sich schneller, als sich die EU-Institutionen anpassen können.
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, die strategische Rivalität zwischen Washington und Peking, technologische Machtkämpfe und die Fragmentierung globaler Lieferketten markieren keine vorübergehenden Störungen. Sie sind Vorboten einer neuen Epoche. Einer Epoche, in der die EU gezwungen sein wird, Entscheidungen zu treffen, die sie lange vermeiden konnte. Sie wird bestimmen müssen, welche Abhängigkeiten akzeptabel sind, welche Fähigkeiten gemeinsam aufgebaut werden sollen und welche politischen Opfer für strategische Handlungsfähigkeit notwendig sind.
Der Florence Report liest sich deshalb letztlich weniger als ökonomische Analyse denn als politische Warnung: Die Ära der geopolitischen Bequemlichkeit ist vorbei. Die EU kann ihre Zukunft nicht länger auf die Stabilität anderer Mächte gründen. Sie muss lernen, selbst Macht zu organisieren, Interessen zu definieren und Verantwortung zu übernehmen.
Ob der »alte Kontinent« dazu in der Lage ist, wird eine der entscheidenden Fragen des 21. Jahrhunderts sein. Denn EU-Europas größter Gegner könnte am Ende weder in Washington noch in Peking oder Moskau sitzen. Sondern in Brüssel. Darüber hinaus ist sogar möglich, dass Deutschland seine Zukunft nicht länger auf die EU oder die anderen Mitgliedsstaaten gründen kann, darf oder will.
© RiskCompass ›Strategic Horizon Report‹. Foto: Pixabay. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend AI eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

