Der aktuelle »Chief Economists‘ Outlook« des Weltwirtschaftsforums (WEF) zeichnet ein deutlich abgekühltes Bild der Weltwirtschaft. Die Stimmung unter den befragten Chefvolkswirten hat sich seit Jahresbeginn spürbar eingetrübt. 89 Prozent erwarten für die nächsten zwölf Monate eine Abschwächung des globalen Wachstums, 21 Prozent sogar eine signifikant schwächere Entwicklung. Hauptursache ist der eskalierte Konflikt im Nahen Osten und die faktische Schließung der Straße von Hormus – ein geografischer Flaschenhals, durch den vor dem Konflikt etwa zehn Prozent des globalen Seeverkehrs liefen.
Die Folgen sind unmittelbar spürbar: Energie- und Lebensmittelpreise steigen, Lieferketten sind unterbrochen, und die Unsicherheit hat ein neues Niveau erreicht. 94 Prozent der Ökonomen rechnen mit höherer globaler Inflation. Selbst in einem optimistischen Szenario eines kurzen Konflikts sieht der IWF die Inflationsrate von 4,1 Prozent im Jahr 2025 auf 4,4 Prozent im Jahr 2026 steigen. Gleichzeitig bleibt eine globale Rezession für 58 Prozent der Befragten unwahrscheinlich – zumindest kurzfristig. Die Wirtschaft zeigt eine gewisse Resilienz, doch eine echte Erholung wird Zeit brauchen.
Energie- und Nahrungsmittelkrise als zentrale Belastung
Die Schließung der Straße von Hormus hat nicht nur den Öl- und LNG-Transport massiv beeinträchtigt, sondern auch Düngemittellieferungen unterbrochen. Outbound-Flows (ausgehende Warenströme) von Rohöl, Flüssiggas und Düngemitteln brachen fast gleichzeitig zusammen. Die Preise für Brent-Rohöl kletterten zeitweise über 125 US-Dollar pro Barrel und lagen Ende April noch bei über 110 Dollar. Für energie- und nahrungsmittelimportabhängige Regionen wie Südostasien, Europa und Teile Afrikas bedeutet das eine doppelte Belastung.
Südostasien trägt besonders schwer: 62 Prozent der Ökonomen erwarten dort signifikant höhere Energiepreise. In Europa sehen 45 Prozent eine starke Kostensteigerung. Die Nahrungsmittelpreise folgen mit Verzögerung. Über 80 Prozent der Befragten rechnen weltweit mit steigenden oder stark steigenden Lebensmittelpreisen. Besonders kritisch ist die Lage im Nahen Osten und Nordafrika, wo 42 Prozent signifikante Preisanstiege erwarten. Im Vergleich zum Russland-Ukraine-Schock von 2022 verläuft der Preisanstieg bisher gradueller – doch bei anhaltender Blockade könnte sich das schnell ändern.
Die Industrieauswirkungen sind asymmetrisch. Energie und Materialien sind am stärksten betroffen, gefolgt von Transport und Logistik sowie Freizeit und Tourismus. Die Verteidigungsindustrie erlebt einen Nachfrageschub, während Landwirtschaft und verarbeitende Industrie mittelfristig unter Düngemittelknappheit leiden dürften.
Volatilität nimmt zu, KI-Euphorie kühlt ab
Neben den direkten Schocks steigt die Volatilität an den Märkten. 79 Prozent der Ökonomen erwarten höhere Schwankungen am privaten Schuldenmarkt, 74 Prozent am öffentlichen. Auch die Aktienmärkte bleiben unruhig: 68 Prozent rechnen mit steigender Volatilität. Der VIX-Index¹ hat sich zwar von den März-Höchstständen erholt, doch die Grundspannung bleibt hoch.
¹CBOE (Chicago Board Options Exchange) Volatility Index, das bekannteste »Angstbarometer« der Finanzmärkte.
Ein zentraler Lichtblick bleibt die Künstliche Intelligenz. Über 90 Prozent der Befragten erwarten eine weitere Zunahme der KI-Adoption. Allerdings hat sich die Euphorie bezüglich schneller Produktivitätsgewinne abgekühlt. Die Mehrheit sieht spürbare Effekte weiterhin zuerst in IT und digitalen Kommunikationsbranchen. In Finanz-, Professional und Immobilien-Dienstleistungen rechnet man mit Gewinnen innerhalb eines Jahres. In den meisten anderen Sektoren – von der Fertigung über Gesundheit bis zur Landwirtschaft – verschieben sich die Erwartungen nach hinten. Der Median für breite Produktivitätsgewinne liegt nun höher als noch im Januar 2026. Komplementäre Investitionen in Daten, Skills, Infrastruktur und Managementprozesse brauchen offenbar länger als gedacht.
Regionale Divergenzen verschärfen sich
Die Auswirkungen des Schocks sind höchst unterschiedlich:
- USA: Bleiben relativ robust. 74 Prozent erwarten moderates Wachstum, getragen von KI-Investitionen, Konsum und Staatsausgaben. Die Inflation steigt, doch die USA sind als Netto-Ölexporteur besser gepuffert. Das Beschäftigungswachstum bleibt fragil.
- China: Hat sich überraschend erholt. 77 Prozent sehen moderates oder stärkeres Wachstum. Starke Exporte und High-Tech-Produktion stützen die Konjunktur. Die Inflation kehrt allerdings zurück – was aus Pekings Sicht sogar willkommen sein könnte.
- Europa: Schwächt sich weiter ab. 65 Prozent erwarten schwaches oder sehr schwaches Wachstum. Stagflationsrisiken steigen durch hohe Energiepreise und schwache Binnennachfrage. Insbesondere Deutschland kämpft mit anhaltender Stagnation.
- Indien: Bleibt einer der hellsten Flecken. 52 Prozent rechnen mit starkem oder sehr starkem Wachstum. Infrastruktur-, Tech- und Handelsinitiativen tragen. Allerdings drücken Währungsabwertung und Importrisiken.
- Südostasien: Zeigt Resilienz, ist aber energie- und nahrungsmittelseitig hoch verwundbar. Moderates Wachstum erwartet, bei hoher Inflationsgefahr.
- Naher Osten und Nordafrika: Dramatischer Einbruch. 88 Prozent erwarten schwaches Wachstum. Tourismus, Handel und Investitionen sind massiv beeinträchtigt.
- Subsahara-Afrika und Lateinamerika: Halten sich weitgehend stabil, leiden aber unter sekundären Effekten bei Nahrung und Energie.
Attraktive Standorte für multinationale Unternehmen
Vor diesem Hintergrund passen multinationale Konzerne ihre Strategien an. Die attraktivsten Business-Umfelder für die kommenden zwölf Monate sind laut den Chefvolkswirten: die USA (65 Prozent Nennungen in den Top 3), Indien (56 Prozent) und Südostasien (50 Prozent). Skaleneffekte, Flexibilität und Lieferkettenpositionierung zählen mehr als reines Wachstum. Europa folgt mit 44 Prozent – vor allem wegen regulatorischer Stabilität und kaufkräftiger Konsumenten. China landet bei 35 Prozent: Größe ja, aber harter Wettbewerb und schmale Margen. Der Nahe Osten und Subsahara-Afrika rangieren weit hinten.
Resilienz wird auf die Probe gestellt
Der WEF-Ausblick macht deutlich, dass die Weltwirtschaft nicht in eine klassische Rezession abrutscht, aber vor einer Phase erhöhter Volatilität, struktureller Anpassungen und regional sehr unterschiedlicher Schwankungen steht. Der geopolitische Schock wirkt als Katalysator: Er beschleunigt Lieferketten-Diversifikation, Energie-Transition und die Notwendigkeit, Produktivitätsfortschritte durch KI nicht nur zu erhoffen, sondern systematisch zu realisieren.
Für Unternehmer, Führungskräfte und vermögende Privatanleger bedeutet das: Hohe Wachsamkeit bei Rohstoff- und Energiepreisen, selektive Investitionen in resilienten Regionen und Sektoren sowie konsequente Nutzung von KI zur Effizienzsteigerung. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Straße von Hormus wieder geöffnet wird – oder ob die Welt sich auf eine längere Phase höherer Energiepreise und fragmentierter Märkte einstellen muss. Die Chefvolkswirte raten zur Vorsicht, aber nicht zur Panik. Die globale Wirtschaft ist angeschlagen, aber (noch) nicht am Boden.
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