Der Mond: Das Abstecken der Claims
Wenn der Kampf um imperiale Herrschaft sich in den Weltraum und auf den Mond erweitert, dann ist der handfeste Übergang von der Geo- zur Astropolitik vollzogen. Zwar wollte der nach wie vor gültige Weltraumvertrag (Outer Space Treaty) von 1967 die Okkupation der Himmelskörper durch einzelne Staaten verhindern und die Installation militärischer Basen auf dem Mond und anderen Himmelskörpern verbieten. Wie nicht anders zu erwarten, denken US-amerikanische Kalte Krieger weiterhin nur in den Kategorien von militärischer Kampfzone und territorialer Besitz-, d.h. Landnahme.
Eine umfassende, kürzlich veröffentlichte Policy-Studie des »Mitchell Institute for Aerospace Studies« beleuchtet unter diesem Aspekt den wachsenden Wettbewerb der Großmächte im Weltraum. Der Autor, Oberst a. D. Kyle Pumroy der U.S. Space Force (USSF), argumentiert darin, dass die Vereinigten Staaten ihre bisherige zivile Ausrichtung der bemannten Raumfahrt ergänzen müssen, um langfristig die strategische Überlegenheit im All zu sichern. Die Studie und das dazugehörige Briefing unterstreichen die Notwendigkeit eines militärischen Programms für sogenannte »Guardians« – ausgebildetes Space-Force-Personal – von der erdnahen Umlaufbahn bis zur Mondoberfläche.
Die Mitchell-Institute-Studie illustriert explizit an historischen Beispielen, wie die USA in der ersten Raumfahrtära eine enge Verzahnung von Militär und bemannter Präsenz anstrebten – im Gegensatz zur späteren strikten Trennung von NASA (zivil) und militärischen Programmen.
Der neue Weltraumwettlauf ohne Ziellinie
Im Gegensatz zum Apollo-Wettlauf der 1960er Jahre, der ein klares Ziel hatte, beschreibt Pumroy den aktuellen Wettbewerb als langfristigen, positionellen Machtkampf. Es gehe nicht mehr nur um spektakuläre Erstleistungen, sondern um die Fähigkeit, eine dauerhafte menschliche Präsenz aufzubauen, logistische Linien zu sichern und Normen sowie rechtliche Rahmenbedingungen für die Nutzung des Weltraums und insbesondere des Mondes zu setzen. Wer zuerst eine verteidigungsfähige Infrastruktur von der Low Earth Orbit (LEO) bis zum Mond etabliere, könne diese Regeln maßgeblich mitgestalten.
Der Mond wird dabei als entscheidender Kipppunkt gesehen. Die anarchische Natur des extraterrestrischen Territoriums, kombiniert mit Chinas offensichtlich dokumentierter Bereitschaft, harte Macht zur Durchsetzung territorialer Ansprüche einzusetzen, berge Konfliktpotenzial. Obwohl der Weltraumvertrag von 1967 – wie eingangs skizziert – Souveränitätsansprüche und Militarisierung verbietet, sieht die Studie Chinas militärisch geführte Pläne als potenziell problematisch an. Pragmatisch müsse die US-Strategie daher über reine Vertragskonformität hinausdenken.
Chinas konsequenter Ansatz versus US-Inkonsequenz
Ein zentraler Kontrast der Analyse liegt im Vergleich der beiden Akteure. China verfolge seit Jahrzehnten eine kohärente Strategie unter Führung der Volksbefreiungsarmee (PLA). Von 1992 bis 2022 seien die gesetzten Ziele weitgehend planmäßig erreicht worden: bemannte Raumfahrt, Rendezvous- und Andockmanöver, Bau der Tiangong-Raumstation. Derzeit halten sich kontinuierlich mindestens vier »militärische Taikonauten« an Bord auf; bis 2035 soll die Station verdoppelt werden. Für 2030 sind bemannte Mondlandungen und bis 2035 eine internationale Mondforschungsstation am Südpol geplant. Pumroy zitiert den chinesischen Mond-Programm-Chef Ye Peijian, der den Kosmos als Ozean und den Mond als Diaoyu-Inseln bezeichnet – eine klare territoriale Analogie.
Die USA hingegen hätten in den vergangenen Jahrzehnten mit wechselnden Prioritäten, Budgetschwankungen und Terminverschiebungen zu kämpfen gehabt. Die Internationale Raumstation (ISS) soll 2030 (möglicherweise 2032) außer Dienst gestellt werden, ohne dass ein klares Nachfolgekonzept feststeht. Das Artemis-Programm habe wiederholt Verzögerungen erlebt; eine bemannte Mondlandung sei nun »bis 2028« angepeilt. Die Trennung zwischen ziviler (NASA), kommerzieller, Dual-Use-fähiger (SpaceX, Blue Origin usw.) und militärischer Raumfahrt (United States Space Force) behindere zudem eine integrierte nationale Sicherheitsstrategie.
Die Rolle militärischer Präsenz und Title-10-Befugnisse
Die Kernforderung der Studie lautet, dass die U.S. Space Force ein eigenes bemanntes Raumfahrtprogramm aufbauen muss. Nur so könnten »Guardians« die notwendigen Fähigkeiten, Werkzeuge und Konzepte entwickeln, um amerikanische Interessen – inklusive kommerzieller und ziviler Aktivitäten – langfristig zu schützen. Entscheidend sei dabei die Ausstattung mit Title-10-Befugnissen des US-Code, die klare militärische Verantwortung, Einsatzregeln und Zurechenbarkeit gewährleisten. Zivile Astronauten oder kommerzielle Crews verfügten nicht über diese rechtliche Grundlage für Verteidigungsaufgaben.
Pumroy betont, dass reine unbemannte Systeme zwar essenziell bleiben, aber in manchen Szenarien – etwa medizinische Evakuierung, Rettungsoperationen, Aufrechterhaltung von Operationen bei gestörter Kommunikation oder zukünftiger Sicherung lunarer Ressourcen – menschliche Präsenz unverzichtbar sei. Historische Beispiele aus der Erkundungsgeschichte zeigten, dass harte Macht oft notwendig war, um Normen durchzusetzen und Interessen zu schützen. Eine rein virtuelle oder ferngesteuerte Präsenz könne als »tatsächliche Abwesenheit« wahrgenommen werden.
Pragmatischer Weg nach vorn
Die Studie plädiert nicht für eine sofortige große Flotte bemannter Militärraumschiffe, sondern für einen schrittweisen, mehrjährigen Aufbau. Als Ausgangspunkt dient der Space Test Course (STC) der Space Force. Dieser soll erweitert und mit Praktika sowie Partnerschaften bei NASA und der wachsenden kommerziellen Raumfahrtindustrie verknüpft werden. Kommerzielle Raumstationen in der LEO könnten als »Testgelände« dienen – getrennt von der ISS, auf der russische Partner präsent sind.
Konkrete Empfehlungen umfassen:
- Die Verankerung eines militärischen bemannten Programms in der nationalen Sicherheitsstrategie (unter Bezug auf die Executive Order zur Sicherung amerikanischer Weltraumüberlegenheit).
- Erweiterung von Karriereentwicklungsprogrammen für Guardians bei NASA und kommerziellen Anbietern.
- Zusätzliche Finanzierung durch den Kongress, ohne bestehende unbemannte Programme zu gefährden (»Do no harm«-Prinzip).
- Aufbau von Fähigkeiten beginnend bei Rettungs- und Evakuierungsmissionen hin zu komplexeren Verteidigungsaufgaben.
Strategische Implikationen
Die Mitchell-Studie zeichnet ein Szenario, in dem China durch konsequente militärische Führung und langfristige Planung eine »Space Silk Road« etablieren könnte, die US-Einfluss in der Weltraumnutzung marginalisiert. Ohne Gegenmaßnahmen drohe die Welt, sich chinesischen Normen und Standards unterzuordnen. Ein US-Programm für militärische bemannte Raumfahrt solle daher nicht als Konkurrenz zur NASA oder zum kommerziellen Sektor verstanden werden, sondern als ergänzende Säule, die nationaler Sicherheit und industrieller Innovation Impulse verleiht.
Pumroy schließt mit einem Appell an Konsistenz – Chinas größtem Vorteil und Amerikas größter Chance. Die Space Force müsse jetzt mit der Entwicklung beginnen, um in einer Dekade über die erforderlichen Fähigkeiten zu verfügen. Die Debatte um »Guardians im All« sei damit kein Science-Fiction-Szenario mehr, sondern eine pragmatische Antwort auf astropolitische Realitäten im erdnahen und cislunaren Raum.
Diese Analyse liefert Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft eine fundierte Grundlage, um die strategische Bedeutung bemannter militärischer Präsenz im Weltraum zu bewerten. Sie unterstreicht, dass der Weltraum zunehmend nicht nur ein Forschungs- und Wirtschaftsraum, sondern auch ein potenzielles Konfliktfeld wird – mit weitreichenden Konsequenzen für Sicherheit, Wohlstand und globale Führungsrolle auf der Erde.
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