David Betz: Droht in Europa ein Bürgerkrieg?
David Betz, Professor of War in the Modern World am Department of War Studies des King’s College London, beschreibt den von ihm erwarteten Konflikt als ein Ereignis mit zwei Vektoren. Den ersten fasst er als eine Art »Bauernaufstand des 21. Jahrhunderts« auf: Erhebliche Teile der einheimischen Bevölkerung erhöben sich darin gegen eine postnationale »Elite«, deren Handeln sie als Bruch des Gesellschaftsvertrags erlebten. In diesem Sinne sei der Aufstand nach seiner Deutung restaurativ und nicht utopisch ausgerichtet. Den zweiten Vektor sieht Betz in einem Konflikt zwischen Gruppen, den er als »intertribal« bezeichnet, nämlich zwischen dem »Stamm« der einheimischen Mehrheiten und dem »Stamm« der Parallelgemeinschaften, die nach seiner Auffassung genügend Dichte und Organisation erreicht hätten, um innerhalb desselben souveränen Territoriums als eigenständige politische Akteure aufzutreten.
Zwei Konfliktvektoren und »konvexe Politik«
Betz geht davon aus, dass sich beide Vektoren gegenseitig verstärken. Das Versagen der »Eliten« angesichts gemeinschaftsbezogener Unruhen radikalisiere Einheimische sowohl gegen die Parallelgesellschaften als auch gegen die Behörden, die deren Entstehung zugelassen hätten. Solche Unruhen wiederum zerstörten die Legitimität der »Eliten« weiter. Die daraus resultierende Dynamik bezeichnet er als »konvexe Politik«: Unter hinreichendem Druck werde die Mitte zur instabilsten Position. Darin sieht Betz die Erklärung dafür, dass es vielen zunehmend schwerer falle, eine zentristische Haltung zu vertreten. Neutralität werde unter diesen Bedingungen kostspielig. Menschen würden nach seiner Einschätzung schneller als erwartet gezwungen, sich zuzuordnen, und zwar entlang von Gruppenzugehörigkeiten.
Sechs Faktoren – Überblick
Als Ursache dieser Entwicklung benennt Betz sechs miteinander verflochtene Faktoren. Sie hätten nach seiner Analyse Großbritannien und in unterschiedlichem Maß auch den übrigen westlichen »Hocheinkommensraum« in einen Bereich gebracht, in dem ein innerer Großkonflikt kein bloß theoretisches Risiko mehr sei.
Faktor 1: Faktionalismus¹
Als ersten Faktor nennt Betz den »Faktionalismus«. Er stellt fest, dass sich gewöhnliche politische Meinungsverschiedenheiten in zahlreichen Ländern, besonders stark aber in Großbritannien, zu identitätsgetriebener Polarisierung verhärtet hätten. Die Unruhen im Sommer 2024 hätten aus seiner Sicht gezeigt, wie schnell die verbliebene zivile Zurückhaltung versagen könne. Nachhaltiger wirke nach seiner Einschätzung jedoch der Aufstieg ausdrücklich gemeinschaftsbezogener politischer Organisation und des Blockwählens. Betz verweist darauf, dass in einer beträchtlichen Zahl britischer Wahlkreise die muslimische Wählerschaft für die Labour Party ausschlaggebend sei, was ihr Gewicht weit über ihren Bevölkerungsanteil hinaus erhöhe. Insbesondere in London sei die Wahlarithmetik inzwischen so beschaffen, dass das Bürgermeisteramt für den Amtsinhaber bei den derzeitigen Wahlkreiszuschnitten und Beteiligungsmustern faktisch nicht zu verlieren sei. Orte in unmittelbarer Nähe wie Tower Hamlets seien nach seiner Darstellung nicht nur gesellschaftlich, sondern auch politisch »bangladeschisch« geprägt. Betz wertet dies nicht als gewöhnliche Meinungsvielfalt, sondern als Entstehung von Parallelgemeinschaften innerhalb eines Staates, die sich zudem sehr schnell vollzogen habe.
¹Die Bildung und das Wirken von informellen Untergruppen, Flügeln oder Fraktionen innerhalb einer politischen Partei oder eines politischen Systems.
Faktor 2: Statusverlust (»Downgrading«)
Den zweiten Faktor sieht Betz im Statusverlust. Große Teile der angestammten Bevölkerung hätten nach seiner Beobachtung einen stetigen Verlust an Status, Sicherheit und territorialer Vertrautheit erfahren. Die Abwanderung Weißer aus den Innenstädten (»White Flight«) sei an den Immobilienmärkten von Provinzstädten messbar, etwa überall dort, wo gute Bahnverbindungen nach London bestünden. Die plötzliche Unterbringung großer Zahlen migrantischer Männer in Dörfern und Kleinstädten, die ausdrücklich erklärt hätten, sie nicht aufnehmen zu können, habe die Spannungen nach seiner Einschätzung weiter erhöht. Auf diese Weise sei ein statistischer Trend zunehmend zu einer alltäglichen Erfahrung erlebter Ohnmacht geworden. Als Beispiel führt Betz den Lehrer aus Batley an, der Jahre, nachdem er im Religionsunterricht eine Mohammed-Karikatur gezeigt habe, noch immer im Verborgenen lebe. Lokale und nationale Stimmen hätten dennoch weiterhin wachsende Islamfeindlichkeit (»Islamophobie«) als das vorherrschende Problem dargestellt. Betz folgert daraus, dass Status und Sicherheit in dieser Gesellschaft nicht gleich verteilt seien.
Zur begrifflichen Einordnung greift er auf Barbara Walter (Professor of International Affairs at the School of Global Policy and Strategy at UC San Diego) zurück, die diese Lage als »Downgrading« bezeichne: eine Situation, in der eine einst dominante Gruppe politisches Gewicht und demografische Zentralität verliere, und zwar nicht vorübergehend, sondern dauerhaft. Der französische Philosoph Renaud Camus habe denselben Prozess als »großen Austausch« bezeichnet. Nach Betz’ Auffassung beschreiben der akademische und der populäre Begriff im Kern denselben Wandel. Das Zusammenzucken, das manche Zuhörer beim Begriff »großer Austausch« empfänden, hält er für Selbstzensur und nicht für Analyse.
Faktor 3: Legitimitätskrise
Den dritten Faktor bildet nach Betz eine Legitimitätskrise. Er ist der Ansicht, dass der britische Staat seine eigene Legitimität in aller Öffentlichkeit zerstöre. Gesetze würden je nach Identität des Täters durchgesetzt oder nicht. Meinungsäußerungen würden reglementiert, wenn sie von Einheimischen stammten und unbequem seien, bei anderen hingegen geduldet. Zudem würden Untersuchungen zu Skandalen angekündigt, deren Benennung oder Aufklärung staatliche Institutionen jahrelang abgelehnt hätten und an denen sie teils sogar mitschuldig gewesen seien; anschließend seien die Opfer weder gezählt noch ernst genommen worden. Wahlen fänden nach seiner Darstellung zwar weiterhin statt, würden aber als Ritual erhalten, während die weitreichendsten demografischen Entscheidungen gegen die wiederholt geäußerte Präferenz der Wählerschaft getroffen und als normales Funktionieren der Demokratie verteidigt würden. Betz bezeichnet dies als heuchlerisch und legitimitätszerstörend.
Die Bereitschaft der »Eliten«, diesen Kurs zu verschärfen, hält er inzwischen für recht offen erkennbar. Er verweist auf Nachrichten der letzten Tage, die gezeigt hätten, dass dieselbe politische Richtung, die das Referendum über die EU-Mitgliedschaft verloren habe, in Teilen darauf hinarbeite, das Ergebnis mit einer einfachen parlamentarischen Mehrheit rückgängig zu machen. Zudem kursierten Vorschläge, für Äußerungen in sozialen Medien einen Identitätsnachweis zu verlangen, für die Stimmabgabe hingegen die Ausweispflicht abzuschaffen. Betz findet dies bemerkenswert. Zumindest deutet es für ihn auf eine Regierungsschicht hin, die das Mandat der Wähler als Hindernis für ihre Vorhaben betrachte.
Faktor 4: Wirtschaftliche Prekarität
Als vierten Faktor nennt Betz die wirtschaftliche Prekarität, die er weniger als absolute Armut, denn als Kluft zwischen Erwartungen und tatsächlichen Möglichkeiten innerhalb der Gesellschaft versteht. Betroffen seien nach seiner Analyse besonders junge Menschen, deren wirtschaftliche und soziale Ambitionen etwa an der Unmöglichkeit scheiterten, Wohneigentum zu erwerben, mit Folgewirkungen auf Familiengründung und dauerhafte Partnerschaften. Betz erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass die Französische Revolution von steigenden bürgerlichen Erwartungen bei gleichzeitiger aristokratischer Geringschätzung angetrieben worden sei, nicht von den Ärmsten. In Großbritannien wirkten nach seiner Deutung subventionierter Komfort, schuldenfinanzierter Konsum (die Staatsverschuldung liege inzwischen bei über 100 Prozent des BIP) sowie algorithmisch gesteuerte Unterhaltung, ob Netflix oder Pornhub, als moderne Form von »Brot und Spielen«.
Unter diesen Bedingungen sei, so Betz, das Vertrauen zusammengebrochen. »Eliten« signalisierten, oft unausgesprochen, mitunter aber auch offen, dass die Bürger zu bequem oder zu inkompetent seien, um bei Tagesfragen, insbesondere bei der Zusammensetzung ihres Landes, ein echtes Mitspracherecht zu verdienen. Betz geht davon aus, dass Menschen materielle Einbußen hinnähmen, wenn man ihnen Würde zugestehe; geschlossene nationale Gemeinschaften seien unter bestimmten Bedingungen zu Opfern bereit. Mit Empörung reagierten sie jedoch, wenn das zugrunde liegende Arrangement sie als bloße Masse und als zu verwaltendes Problem behandle. Die schichtspezifische Verteilung der Kosten der Elitenpolitik verschärfe den Unmut nach seiner Einschätzung zusätzlich: Lohn- und Wohnkostendruck träfen die unteren Schichten am stärksten, während die oberen von günstigeren Dienstleistungen und höheren Kapitalrenditen profitierten. Darin erkennt Betz bereits die Umrisse einer Revolte gegen eine »Elite«, die vom Status quo profitiere, während dieser die breite Masse unter ihr entmachte.
Faktor 5: Abnehmende Gehorsamskultur
Den fünften Faktor sieht Betz in der schwindenden Kultur des Gehorsams beziehungsweise in der steigenden Neigung zur Auflehnung. Er führt aus, dass es mit Blick auf die britische Bevölkerung von 1997, dem Jahr, in dem er aus Kanada nach Großbritannien gekommen sei, lächerlich gewesen wäre, von Bürgerkrieg zu sprechen. Im Jahr 2026 sei es das nicht mehr. Er beruft sich dabei auf den Historiker David Starkey, der dies pointiert formuliert habe: Seit 1997 seien Land und Bevölkerung grundlegend verändert worden. Damit seien nach Betz’ Auffassung die alten Gewohnheiten im öffentlichen Bewusstsein stark erodiert, nämlich die Ehrerbietung, die Annahme, der Staat werde sich irgendwann selbst korrigieren, und die Behandlung von Politik als ausreichendes Instrument zur Lösung kollektiver Probleme. An ihre Stelle sei noch kein organisierter Aufstand getreten, wohl aber eine wachsende Bereitschaft, behördliche Anweisungen als optional zu betrachten, sich lokal zu organisieren, zunehmend Taktiken zu übernehmen, die bei anderen Anliegen nachweislich toleriert worden seien, bis sie für ein Anliegen der Einheimischen eingesetzt würden, und in der Sprache des Bruchs zu sprechen.
Als Beispiel nennt Betz ein Interview, das Generalmajor Julian Thompson erst am Vortag gegeben habe. Thompson, der im Falklandkrieg die damalige 3 Commando Brigade (heute: United Kingdom Commando Force) befehligt habe und den Betz als womöglich besten britischen General seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet, habe darin erklärt, die Boote im Ärmelkanal ließen sich sofort stoppen, wenn man den Mut dazu habe. Er habe gesagt, er würde schießen, und klargestellt, dass er damit die Boote meine; wenn die Regierung sie nicht stoppe, werde es eine »Revolution« geben. Die öffentliche Reaktion darauf sei nach Betz’ Beobachtung bislang überwiegend ein Wiedererkennen im Sinne einer Selbstverständlichkeit gewesen. Die institutionelle Reaktion bestehe darin, wegzusehen. Dieses Muster wiederhole sich nach seiner Einschätzung häufig.
Faktor 6: Inkompetenz und Uneinigkeit der »Eliten«
Als sechsten Faktor benennt Betz die Inkompetenz und Uneinigkeit der »Eliten«. Die heutige »Elite« versteht er als vernetzten Komplex aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Verwaltung. Dieser Komplex sei sehr groß; die meisten seiner Mitglieder verwalteten ein Skript, statt es selbst verfasst zu haben. Das Skript beschreibt Betz als ideologisch postnational, postmodern in seinem Misstrauen gegenüber überkommenen Loyalitäten und neoliberal in seiner Behandlung von Bevölkerungen als mobile Produktionsfaktoren. Zugleich sei es innerhalb der »Elite« sehr brüchig.
Betz unterscheidet drei Gruppen: harte »Managerialisten«, die nach seiner Einschätzung bis zum Ende an ihrem Kurs festhalten würden; institutionelle Karrieristen, die nach seiner Prognose in jedem Fall Kontinuität und die eigene Sicherheit bevorzugen würden; und eine ausstiegsorientierte Schicht, die sich mit Zweitpässen und Offshore-Vermögen absichere und das Land zunehmend verlasse, bis vor Kurzem vor allem in Richtung der Golfstaaten. Die Grundhaltung charakterisiert er als Eindämmung und Verzögerung, von ihm als »managerielle Eindämmung« bezeichnet, gegenüber einer Entwicklung, die die »Elite« nicht mehr für umkehrbar halte, ohne Kosten zu verursachen, die sie zu tragen nicht bereit sei.
Die andere Seite dieser Gleichung liefert nach Betz die von dem US-amerikanischen Wissenschaftler Peter Turchin beschriebene Elitenüberproduktion. Die Führungsschicht der gegen den Status quo gerichteten Bewegungen gehe bereits aus frustrierten, oft überqualifizierten jungen Menschen hervor, die erkennten, dass ihnen die Lebensbedingungen ihrer Eltern nicht mehr zugänglich seien. Auf die Frage, woher die Anführer eines Aufstands der Einheimischen kommen würden, antwortet Betz daher: aus den eigenen unversorgten und unzufriedenen Kindern der »Elite«.
Noch mehr Sollbruchstellen
Historiker, Analysten und Politikwissenschaftler sehen weitere Bruchlinien, ja Sollbruchstellen, die wie ein scharfes Messer die Gesellschaften des Westens, insbesondere Europas Staaten, tief durchschneiden. Da wäre erstens der Generationenkonflikt zwischen einer als perspektivlos angenommenen Jugend und einer angeblich satten Generation der Boomer (jedenfalls des Teils, der eine Beamtenpension bezieht). Zweitens liegt ein tatsächlicher Konflikt zwischen sehr Wohlhabenden und zunehmend verarmten Mittelschichten vor. Die Dritte, bislang noch weitgehend im Dunkeln verborgene Großspaltung wird durch die noch ungeahnten gesellschaftlichen Folgen der KI- und Robotik-Revolution², erfolgen. Diese Frontlinien verlaufen nicht exakt gleich, aber sie überlagern sich mit den von Prof. Betz genannten.
²siehe Schlussabsatz.
Erscheinungsformen des Konflikts
Betz erwartet nicht, dass die sechs Faktoren eine einzelne Organisation oder eine konventionelle Front hervorbringen; man solle, so seine Formulierung, nicht auf Schlachten wie Gettysburg oder Antietam (verlustreichste Ein-Tages-Schlacht des amerikanischen Bürgerkrieges) warten. Vielmehr schüfen sie nach seiner Einschätzung die Bedingungen für einen Konflikt mit zwei Vektoren, der zunächst unterhalb der Schwelle ausgetragen werde, ab der die meisten Beobachter von Bürgerkrieg sprechen würden. Die Methoden hält er jedoch bereits für sichtbar und theoretisch beschrieben: die Störung gewöhnlicher Infrastruktur, selektive Gewalt, die auf strategische Narrativwirkung kalibriert sei, die von ihm bereits angesprochene erzwungene demografische Entmischung sowie fortlaufende Informationsoperationen unterhalb der Gewaltschwelle, die eindeutig dem Bereich umkämpfter und zunehmend polarisierter Politik zuzurechnen seien.
Als konkrete Beispiele führt Betz britische Fälle von Radikalisierung im Zusammenhang mit Sicherheitsdiensten, die Übernahme von Vermummung und des Straßenprotest-Repertoires durch einheimische Organisatoren sowie die darauffolgenden selektiven Regeländerungen auf. Diese Fälle betrachtet er als frühe, partielle Prototypen des Kommenden und nicht als Ausnahmeerscheinungen. Betz will damit verdeutlichen, dass die grundlegenden logistischen, taktischen und organisatorischen Probleme einer Revolte in westlichen Ländern nicht unlösbar seien, und zwar für kompetente Menschen mit verbliebenen beruflichen Fähigkeiten, Zugang zu offener Fachliteratur und einem Groll, der stark genug sei, sie zu ungewöhnlichem Handeln zu bewegen.
Kein friedlicher Ausweg
Betz legt Wert auf die Feststellung, dass er keine datierte Prophezeiung aufstelle, sondern eine Entwicklung mit einem Endpunkt beschreibe. Ohne eine Kurskorrektur, die sowohl groß als auch frühzeitig erfolge, gehe die Entwicklung nach seiner Überzeugung in Richtung eines anhaltenden inneren Konflikts. Einen politischen Ausweg, der zugleich plausibel und friedlich wäre, sieht er nicht. Er begründet dies damit, dass ein Stopp oder eine Umkehr, die scharf genug wäre, um etwas zu bewirken, auf den Widerstand derer stieße, die das bisher Erreichte innehätten, eine Fortsetzung hingegen auf den Widerstand derer, die darin die Auslöschung ihres Landes sähen. Jeder Weg, der die Entwicklung so weit verändere, dass sich das Ergebnis ändere, liege daher bereits innerhalb der Konfliktzone. Betz spricht von einer Wahl ohne echte Alternative (»Hobson’s choice«) zwischen einem schlechten Ausgang und einer Reihe noch schlechterer. Er stellt klar, dass dies keine Behauptung sei, es lasse sich kein kluges Konzept ersinnen, sondern das Eingeständnis, dass er selbst nicht klug genug sei, eine solche Lösung zu finden, falls es sie gebe. Einen Ausweg, der Gewalt vermeidet, sieht er nicht.
Schlussfolgerung
Betz zieht daraus eine eindeutige Konsequenz: Wer das Problem in erster Linie als islamistischen Terrorismus oder als gescheiterte Integration einer grundsätzlich kompatiblen Bevölkerung betrachte, verorte den Treiber des Konflikts falsch. Das Kompatibilitätsproblem hält er für real. Es werde seiner Meinung nach nicht durch gemäßigte Sprecher wegverhandelt werden können, sobald sich konvexe Politik wirklich durchgesetzt habe, was nach seiner Auffassung bereits geschehen sei, weil maximalistische Stimmen die zentristischen bereits verdrängten. Die Kraft, die das Problem in diesem Ausmaß unlösbar gemacht habe, sieht Betz jedoch in der Entscheidung der »Elite«, es überhaupt erst zu importieren, seinen Charakter zu leugnen und das Wahrnehmen des Problems durch Einheimische zu sanktionieren. Er erwartet, dass die Reaktion der Einheimischen Form und Dauer des Kommenden bestimmen werde. Diese Reaktion sei nicht mehr latent, sondern beginne sich zu zeigen, auch öffentlich und dokumentiert.
Teil 2
Antisemitismus im Vereinigten Königreich
Betz sieht in dem von ihm beschriebenen Geschehen das Entstehen eines größeren Konflikts, der Juden treffen werde und in vieler Hinsicht bereits treffe. Er stimmt voll zu, dass das Ausmaß des Antisemitismus und insbesondere der antiisraelischen Feindseligkeit im Vereinigten Königreich sehr hoch sei, und zwar aus Gründen, die fast allen offensichtlich sein dürften. Diese Haltungen seien nach seiner Wahrnehmung weit verbreitet und zugleich tief verankert, besonders in der muslimischen Gemeinschaft, die nach seinem Eindruck wenig Anlass sehe, sie zu verbergen. Offene Drohungen, häufig verbal, mitunter aber weit darüberhinausgehend, würden zunehmend häufiger. Betz sieht keinen Anlass, seinen Lesern zu erklären, was sie womöglich aus eigener Erfahrung oder aus der ihrer Familien kennen. Er will die beiden Themen nicht voneinander trennen und akzeptiert das Bild vom Kanarienvogel im Kohlebergwerk. Er erwartet, dass die »intertribale« Dynamik, die sich hier zeige, metastasieren und sich verallgemeinern werde.
Lehren für die Vereinigten Staaten
Zu den Lehren für die Vereinigten Staaten äußert sich Betz mit Zurückhaltung. Er zögere, Amerikanern anhand eines anderen Landes zu erklären, was sie über ihr eigenes Land verstehen sollten; er sei Brite, lebe in London und verfolge die amerikanische Politik nicht so genau wie vermutlich viele seiner Leser. Er habe jedoch den starken Eindruck, dass alle sechs von ihm genannten Faktoren bei einem amerikanischen Publikum in gewissem Maß Widerhall fänden.
Faktionalismus und Polarisierung seien dort nach seiner Einschätzung sicher nichts Neues. Die Wahrnehmung eines Statusverlusts (»Downgrading«) sei im amerikanischen Fall in mancher Hinsicht beschleunigt, zugleich aber möglicherweise abgemildert, weil der Großteil der Zuwanderung in die USA nicht überwiegend muslimisch sei, sondern aus Regionen stamme, deren Zuwanderer nach seiner Vermutung leichter zu assimilieren seien. Zudem hätten die USA womöglich den Vorteil eines Selbstverständnisses, das auf einem politischen Glaubensbekenntnis beruhe (»creedal«). Das sei in Europa nicht der Fall, wo die demografische Entwicklung als im Kern national existenziell wahrgenommen werde; in den USA sei dies nach seinem Gefühl etwas anders. Auch den Vertrauensverlust in die Legitimität der Politik als funktionierendes Mittel zur Lösung kollektiver Probleme dürfte ein amerikanischer Zuhörer nach seiner Ansicht als Problem wiedererkennen.
Wirtschaftliche Prekarität sieht Betz ebenfalls als gegeben an. Er sei kein Ökonom, halte es aber für keine gute Idee, dass die Staatsverschuldung die Marke von 40 Billionen Dollar überschreite. Hinzu komme eine erhebliche Sorge um die Stellung des Dollars als Weltreservewährung. Was noch vor fünf Jahren sehr seltsam gewirkt hätte, erscheine heute als durchaus rationale Sorge, und ein solcher Verlust wäre nach seiner Einschätzung von großer Tragweite. Da die USA eine gut bewaffnete Bevölkerung und eine historische Tradition der Revolution hätten, treffe auch dieser Faktor zu. Die amerikanischen »Eliten« vermittelten ihm keineswegs den Eindruck von Kompetenz und Einigkeit. Aus all diesen Gründen sieht Betz die USA im Blickfeld, allerdings mit Unterschieden, die Amerikaner vermutlich besser erkennen und erklären könnten als er. So stelle es sich aus der Außenperspektive dar.
Betz rät, auch Amerikaner müssten ihre Infrastruktur in den Blick nehmen und sich auf die Abmilderung der Folgen dessen einstellen, was voraussichtlich komme. Infrastruktur sei dabei nicht nur als etwas zu betrachten, das gegen Angriffe von außen zu schützen sei. Er gibt zu bedenken, dass sich fast die gesamte Literatur zum Schutz kritischer Infrastruktur mit Cyberangriffen oder äußeren Angriffen befasse und nicht mit Angriffen von innen, die nach seiner Auffassung offenkundig die vorherrschende Bedrohung bzw. Bedrohungsquelle seien. Ernsthafte Akteure sollten daher Karten der Infrastruktur, der Brücken und Verkehrsnetze, im Grunde der Lebenserhaltungssysteme, daraufhin prüfen, wie diese im Kontext eines ernsthaften innerstaatlichen Konflikts zum Ansatzpunkt von Konfliktakteuren werden könnten. Man wolle, so Betz, nicht überraschend feststellen, dass die eigene Stadt nur über Lebensmittel für drei Tage verfüge, von zwei sehr störanfälligen Hauptverkehrsadern abhänge und die Brücken gerade in den Fluss gestürzt seien. Das wäre ein schlechter Zeitpunkt, um in Panik zu geraten.
Könnte sich der Konflikt über Europa ausbreiten?
Die Frage, ob sich der Konflikt über Europa ausbreiten könnte, bejaht Betz und spricht offen von einem »sehr knappen Rennen«. Eine der häufigsten Fragen an ihn sei, wo es zuerst geschehen werde. Sehr oft habe er darauf Irland genannt, und zwar aus einem Bündel von Gründen. Alle zuvor genannten Faktoren träfen auf Irland zu. Zudem habe Irland eine jüngere Geschichte innerstaatlicher Konflikte und infolgedessen ein größeres Reservoir an Menschen mit den entsprechenden Fähigkeiten, der entsprechenden Mentalität und dem entsprechenden Temperament. Es könne also dort beginnen. Seine Einschätzung zu Großbritannien habe er bereits dargelegt. Selbstverständlich komme auch Frankreich in Frage. Betz räumt ein, er hätte womöglich Frankreich gewählt, doch habe ihn vielleicht beeinflusst, dass er in London sitze. Niemand könne die Bilder aus Frankreich der vergangenen Woche (KW 42/43 2026) sehen und meinen, alles laufe gut; das sei, milde ausgedrückt, offensichtlich. Es komme also eine Reihe von Ländern in Betracht.
Im Kern argumentiert Betz, dass es kaum eine Rolle spiele, in welchem Land der Konflikt zuerst ausbreche. Demonstrationseffekte, die Verflechtung dieser Länder und die Gemeinsamkeit der zugrunde liegenden Probleme seien so ausgeprägt, dass er eine recht schnelle Übertragung von einem Land auf das andere erwartet.
Konfliktparteien sowie Rolle von Polizei und Armee
Die Konfliktparteien lassen sich nach Betz zweckmäßig in drei Hauptkategorien einteilen: die zuvor beschriebene postnationale »Elite«, ein Großteil der einheimischen Masse und der nicht-einheimische Bevölkerungsteil. Diese Gruppen seien weder gleich groß noch von gleichem Potenzial. Alle hätten jedoch Gründe, unter Stressbedingungen, wie sie bereits aufträten, aufeinanderzutreffen. Diese Dreiteilung liegt nach seiner Darstellung dem zuvor beschriebenen Bild eines Konflikts mit zwei Vektoren zugrunde. Darin revoltiere die einheimische Masse einerseits gegen ihre eigene »Elite«, die sie für eine Politik von rund 30, eigentlich sogar mehr Jahren bestrafen wolle, die ihr nach ihrer Wahrnehmung ohne angemessenes demokratisches Mandat aufgezwungen worden sei. Zugleich befinde sie sich in einem eher konventionellen »intertribalen« Konflikt mit der jüngeren, nicht-einheimischen Bevölkerung, vergleichbar etwa mit Nordirland (Nordirlandkonflikt 1969 bis 1998), dem Libanon oder dem Balkan.
Diese dreiteilige Struktur bestimmt nach Betz’ Einschätzung die Logik, nach der der Konflikt geführt werde. Der zweite, »intertribale« Vektor werde im Wesentlichen als Belagerungskrieg in einer Variante des 21. Jahrhunderts geführt: Städte würden nicht direkt mit Massenkräften angegriffen, sondern durch das Kappen ihrer lebenserhaltenden Infrastruktur, sodass in den urbanen Zonen unbewohnbare Verhältnisse entstünden. Was mit einer Stadt, insbesondere einer geteilten Stadt, geschehe, wenn Strom und Heizung für längere Zeit abgeschaltet würden, sei leicht vorstellbar und nicht nur theoretisch beschrieben, sondern empirisch gut belegt. Die Logik der eher populistischen »Bauernrevolte« beschreibt Betz dagegen als »schmutzigen Krieg«: einen chronischen Konflikt, der mit Mitteln wie Attentaten, Entführungen und gezielten Anschlägen geführt werde. Diese sollten Angst erzeugen, vor allem aber eine informationelle Wirkung entfalten und den Staat zu einer Überreaktion provozieren.
Polizei und Militär betrachtet Betz nacheinander, wobei er der Polizei die größte Bedeutung beimisst. Entscheidend sei, dass die britische Polizei chronisch unterbesetzt und unzureichend ausgebildet sei und bestimmte inländische Fähigkeiten nicht besitze, die man von ihr erwarte. Historisch sei die britische Polizei im Bereich der inneren Sicherheit sehr leistungsfähig gewesen, vor allem durch den Special Branch, eine Einrichtung mit polizeilicher Aufgabe in Inlandsaufklärung und Staatsschutz. Der Special Branch sei jedoch vor deutlich mehr als zehn Jahren aufgelöst worden.
Zum Militär räumt Betz ein, dass seine Einschätzung mit Blick auf die Fachliteratur umstritten sei. Nach dieser sei einer der wohl entscheidendsten Faktoren für Erfolg oder Scheitern eines Aufstands, auf welche Seite sich die Armee stelle. Bleibe sie der Regierung treu, überlebe die Regierung in der Regel. Betz hält es dagegen für wahrscheinlich, dass die Armee im britischen und vermutlich auch in anderen westlichen Fällen keine große Rolle spielen werde. Dafür seien ihre Mannschaftsstärken zu gering; zudem sei sie gespalten. Im britischen Fall komme hinzu, dass aufeinanderfolgende Regierungen die beschriebene Lage herbeigeführt hätten und die derzeitige Regierung im Kern eine juristische Kampagne (»Lawfare«) gegen die Spezialkräfte führe, insbesondere gegen den Special Air Service. Daher gebe es nach seiner Ansicht viele Gründe zu bezweifeln, dass gerade jener Teil der Armee, der für die Stützung des Regimes am wichtigsten wäre, auch zur Verfügung stünde. Betz betont, dabei nicht naiv zu sein: Berufssoldaten, besonders in solchen Funktionen, könnten durchaus eine söldnerhafte Mentalität haben. Dennoch gebe es gute Gründe für Zweifel, und mehrere britische Generäle hätten gewarnt, die feste Erwartung britischer militärischer Loyalität sei nicht so gut begründet wie angenommen und sollte hinterfragt werden.
Wegen der unzureichenden Polizei, der geringen Größe des Militärs und dessen zweifelhafter Zuneigung zur Regierung hält Betz es für das wahrscheinlichste Szenario, dass das Militär zerbricht. Teile davon blieben der verbliebenen »Elite« nach seiner Erwartung so weit loyal, dass sie etwa die zentralen Teile Londons und anderer Orte sichern könnten, darüber hinaus aber kaum gestaltende Wirkung entfalten würden.
Was will die »Elite«?
Das Ziel der »Elite« sieht Betz im Wesentlichen im Dienst an postnationalen Idealen. Die Ironie bestehe darin, dass die westliche Welt, mit der möglichen Ausnahme der USA unter dem gegenwärtigen Präsidenten bzw. der gegenwärtigen Regierung, aus Ländern bestehe, deren nationale Führungen nicht an das nationale Interesse glaubten. Diese Menschen ordnet Betz der Klasse zu, die David Goodhart als »Anywheres« (Überall-Menschen) bezeichne: global mobile Menschen, die sich anderen nationalen »Eliten« enger verbunden fühlten als den Menschen, die sie regierten. Den Haupttreiber sieht er daher in dem, was er die postnationale Identität der westlichen »Elite« des 21. Jahrhunderts nennt.
Diese Identität weise eine Reihe von Merkmalen auf. Der Kürze halber konzentriert sich Betz auf das aus seiner Sicht wohl bedeutendste: die Wahrnehmung des eigenen Landes als eine Art sehr große Excel-Tabelle. Darin existierten Bürger als Buchungszeilen, und Pässe dienten im Grunde nur als Steuerkennzeichen. Ein Verständnis einer inneren, wesenhaften Verbindung zwischen einem Volk, seiner Geschichte und seinem Land gebe es nicht. Vielmehr gelte eine solche Sprache in »Elitenkreisen« als höchst verdächtig. Schon die bloße Erörterung eines spezifisch nationalen Interesses werde als moralisch fragwürdig behandelt.
Als konkretes Beispiel verweist Betz auf David Goodharts Buch »The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics«. Darin werde ein Gespräch mit dem damals ranghöchsten britischen Beamten, Gus O’Donnell, wiedergegeben, der zu dieser Zeit im Finanzministerium (Treasury) tätig gewesen sei. O’Donnell habe Goodhart erklärt, er habe während seiner Zeit im Finanzministerium im Grunde Masseneinwanderung befürwortet, weil er seine Aufgabe darin gesehen habe, dem globalen und nicht dem nationalen Wohl zu dienen. So sieht Betz die Motivation der »Elite«: Sie sei grundlegend postnational.
Hinzu komme nach seiner Darstellung, dass man als Angehöriger dieser Schicht auch finanziell profitiere. Innerhalb dieses Systems sei, zumindest bislang, ein komfortables und einigermaßen sicheres Leben möglich, weil die beschriebenen Kosten in der Regel nicht auf der Ebene der »Elite« getragen würden. Lohndruck etwa werde am stärksten in den Arbeiterschichten spürbar. Der starke Anstieg der Vermögenspreise, insbesondere bei Immobilien, sei dagegen in vieler Hinsicht denen zugutegekommen, die bereits Vermögen besessen hätten. Betz erkennt darin ein Zusammenspiel individueller und finanzieller Gründe einerseits und übergeordneter, ideeller Gründe andererseits.
Vier mögliche Ausgänge
Auf die Frage, wie der Konflikt enden und welche Ordnung folgen könnte, beantwortet Betz zunächst die Teilfrage, ob die »woke Linke« und nicht assimilierte Einwanderer auf derselben Seite blieben. Er sieht einen offenkundig bevorstehenden Bruch zwischen der »woken Linken« und der, wie er präzisiert, im Wesentlichen muslimischen Bevölkerung. Dieser Bruch sei nahezu unvermeidlich; er sehe nicht, wie dieses Bündnis zusammenhalten könne. Man könne bereits erkennen, wie es zerbreche. Als bestes Beispiel für diese Dynamik nennt er die britische Green Party, die als Umweltbewegung begonnen und sich im Wesentlichen in eine »Gaza-Partei« verwandelt habe. Damit übertreibe er nicht. An dieser Front werde es also nach seiner Erwartung zum Bruch kommen.
Wie die Nachkriegsordnung aussehen werde, hält Betz für äußerst schwer vorherzusagen. Er will der Frage nicht ausweichen und wagt einen Versuch, betont aber dessen begrenzte Aussagekraft. Bis zu einer Nachkriegsordnung sei es ein sehr weiter Weg, auf dem vieles geschehen könne; zudem räumt er offen ein, dass Akademiker ständig schlechte Vorhersagen träfen. Logisch betrachtet sieht er drei plausible, wenn auch nicht gleich plausible Ausgänge. Im weiteren Verlauf ergänzt er einen vierten.
Szenario 1: Islamisch geprägter Staat infolge demografischer Entwicklung
Der erste mögliche Ausgang entspricht nach Betz im Kern dem, was J. D. Vance skizziert habe, als er vor etwa einem Jahr oder länger gesagt habe, das Vereinigte Königreich könnte das erste islamistische Land mit Atomwaffen werden (er sagte dies am 16. Juli 2024 auf der National Conservatism Conference). Vance habe damit nach Betz’ Einschätzung rhetorisch eine Handgranate werfen wollen, seine Argumentation sei aber nicht völlig abwegig. Er habe im Kern eine Entwicklung des Landes beschrieben, in der die demografischen Projektionen zuträfen oder sich sogar beschleunigten. Betz hält dies für sehr plausibel, wenn man die gegenwärtige Entwicklung betrachte und Faktoren wie Familiennachzug hinzunehme. Dieses Szenario sei also nicht völlig unplausibel, nach seiner Einschätzung aber nicht das wahrscheinlichste.
Als jemand, der eher Kriegs- als Politikwissenschaftler sei, sieht Betz aus taktischer Sicht erhebliche Verwundbarkeiten auf Seiten des nicht-einheimischen Bevölkerungsteils. Die wichtigste sei dessen sehr geringes Brückenkapital (»bridging capital«), also das Fehlen von Verbündeten. Er vermutet, dass es recht offensichtliche Wege gebe, diese Gruppe zu spalten, wenn jemand dies entschlossen genug verfolge. Auch ihre demografische Verteilung, wie sie sich auf der Landkarte zeige, hält er für recht verwundbar. Er müsse wohl kaum erklären, warum das Leben in Ghettos keine sichere Position sei. Eine Entwicklung, die zur Ghettoisierung, auch zur Selbstghettoisierung, geführt habe, sei keine ideale Ausgangslage, um einen solchen innerstaatlichen Konflikt auszufechten.
Szenario 2: Sieg der »Elite« und autoritäre Ordnung
Als weitere Möglichkeit nennt Betz, dass sich die »Eliten« durchsetzen. Diese Form des Sieges bedeute nach seiner Einschätzung jedoch im Kern das Ende der Demokratie, wie man sie kenne. Möglicherweise bleibe eine performative Fassade erhalten, vielleicht verzichte man aber auch darauf. Erste Anzeichen dafür sieht Betz in der zunehmenden Algorithmisierung der inneren Sicherheit, insbesondere der Überwachung von Meinungsäußerungen, die im Vereinigten Königreich inzwischen, wie jeder wisse, sehr ausgeprägt sei. Das Ergebnis wäre nach seiner Vorstellung etwa eine Version von »1984«, vielleicht weniger grau, in irgendeiner Mischform. Betz spricht von der Wiederkehr eines autoritären Musters, bei dem man die Demokratie im Grunde aufgebe. Möglicherweise gebe man dabei auch einen Großteil der Sicherheit auf. Vielleicht könnte ein solches System zwar Sicherheit gewährleisten, dann aber mit wenig verbleibender Freiheit.
Szenario 3: Die einheimische Mehrheit zwingt die »Elite« zur Rückkehr zu nationaler Politik
Die dritte Möglichkeit sieht Betz darin, dass die einheimische Masse ihre eigene »Elite« so wirksam bestraft, dass diese eingeschüchtert und gezwungen wird, wieder als nationale »Elite« zu regieren. Damit ginge nach seiner Erwartung im Kern, zum zweiten Mal binnen 100 Jahren in Europa, eine massenhafte Bevölkerungsbewegung einher.
Szenario 4: Lange Phase der Balkanisierung (nach Betz am wahrscheinlichsten)
Schließlich ergänzt Betz noch eine vierte Möglichkeit. Das dritte Szenario hält er für wahrscheinlicher als die beiden ersten, am wahrscheinlichsten sei jedoch das vierte: eine lange Phase der Balkanisierung. Statt diese selbst zu beschreiben, empfiehlt er den relativ bekannten Roman »Random Acts of Senseless Violence« des amerikanischen Autors Jack Womack, geschrieben Anfang der 1990er-Jahre. Der Roman spiele in einer zukünftigen Version der Vereinigten Staaten, etwa in der heutigen Zeit, und sei aus der Perspektive eines zwölfjährigen Mädchens erzählt, das, wie sich herausstelle, jüdisch sei und mit seiner Familie in New York lebe. In dieser Welt würden mehrmals im Jahr Präsidenten ermordet, die Polizeiarbeit sei faktisch zusammengebrochen, und es herrsche eine mehr oder weniger chaotische Anwendung des Kriegsrechts, in der »intertribale« Gewalt endemisch sei. Die Menschen versuchten, sich selbst zu schützen, unter anderem durch das Härten ihrer Häuser und lokale Verteidigungsmaßnahmen, während sie zugleich verzweifelt versuchten, ein gewisses Maß an normalem zivilem und wirtschaftlichem Leben aufrechtzuerhalten. Das Buch sei nach Betz’ Urteil, gelinde gesagt, sehr unangenehm zu lesen. Es sei in den 1990er-Jahren relativ populär gewesen, verdiene aber heute eine erneute Lektüre, weil es ihm als Bild der wahrscheinlichsten Zwischenlösung erscheine.
Was danach komme, wisse er nicht, räumt Betz ein.
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Quelle und Grundlage: Islamism in the U.K.: A Looming Civil War? with David Betz.

