{"id":528521,"date":"2026-06-06T11:46:22","date_gmt":"2026-06-06T09:46:22","guid":{"rendered":"https:\/\/riskcompass.info\/?p=528521"},"modified":"2026-06-06T11:52:08","modified_gmt":"2026-06-06T09:52:08","slug":"der-buergerkrieg-der-schimpansen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/riskcompass.info\/?p=528521","title":{"rendered":"Der B\u00fcrgerkrieg der Schimpansen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Im dichten Regenwald des Kibale-Nationalparks in Uganda spielt sich seit einigen Jahren ein Drama ab, das selbst erfahrene Primatenforscher \u00fcberrascht (siehe Science: \u00bb<a href=\"https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.adz4944\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lethal conflict after group fission in wild chimpanzees<\/a>\u00ab). Eine der weltweit am besten untersuchten Schimpansenpopulationen, die sogenannte Ngogo-Gemeinschaft, ist auseinandergebrochen. Aus ehemaligen Gef\u00e4hrten wurden erbitterte Gegner. Tiere, die einst gemeinsam jagten, sich gegenseitig pflegten und ihren Nachwuchs in einem gemeinsamen sozialen Gef\u00fcge gro\u00dfzogen, bek\u00e4mpfen sich heute mit t\u00f6dlicher Konsequenz. Wissenschaftler sprechen vorsichtig von einer Art \u00bbB\u00fcrgerkrieg\u00ab \u2013 nicht, weil Schimpansen Staaten, Ideologien oder politische Programme kennen w\u00fcrden, sondern weil sich hier ein Konflikt zwischen Individuen entfaltet, die sich \u00fcber Jahre hinweg kannten und kooperierten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Beobachtungen beruhen auf einer au\u00dfergew\u00f6hnlich umfangreichen Datengrundlage. Seit rund drei Jahrzehnten wird die Ngogo-Gemeinschaft intensiv erforscht. Dadurch konnten Wissenschaftler nicht nur die gewaltsamen Auseinandersetzungen dokumentieren, sondern auch deren langsame Entstehung nachvollziehen. Lange Zeit galt die Gruppe mit zeitweise rund 200 Tieren als die gr\u00f6\u00dfte jemals bekannte Schimpansengemeinschaft. Zwar bildeten die Tiere \u2013 wie f\u00fcr Schimpansen typisch \u2013 wechselnde Untergruppen, doch diese waren Teil eines \u00fcbergeordneten sozialen Netzwerks.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Bereits zwischen 1998 und 2014 bemerkten Forscher jedoch subtile Ver\u00e4nderungen. Bestimmte M\u00e4nnchen hielten sich zunehmend bevorzugt miteinander auf. Aus lockeren Bekanntschaften wurden stabile Cliquen. Um das Jahr 2015 verdichteten sich die Hinweise auf eine tiefere soziale Spaltung. Die Kontakte zwischen zwei gro\u00dfen Teilgruppen nahmen kontinuierlich ab. Tiere, die zuvor regelm\u00e4\u00dfig miteinander Umgang pflegten, mieden einander zunehmend. Was zun\u00e4chst wie eine gew\u00f6hnliche Umstrukturierung erschien, entwickelte sich zu einer dauerhaften Trennung.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Von der Einheit zur Spaltung<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Bis 2018 war die Spaltung vollzogen. Aus einer einzigen Gemeinschaft waren zwei voneinander getrennte Gruppen geworden, die eigene Territorien nutzten und sich sozial kaum noch austauschten. Besonders bemerkenswert war dabei, dass viele Individuen urspr\u00fcnglich enge Beziehungen \u00fcber die sp\u00e4tere Trennlinie hinweg unterhalten hatten. Die sozialen Bindungen, die einst den Zusammenhalt sicherten, l\u00f6sten sich schrittweise auf.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Mit der sozialen Distanz wuchs die Gewalt. Die regelm\u00e4\u00dfigen \u00bbGrenzpatrouillen\u00ab wurden aggressiver, die Begegnungen feindseliger. Schlie\u00dflich begannen systematische Angriffe. Zwischen 2018 und 2024 registrierten die Forscher mindestens 24 \u00dcberf\u00e4lle der westlichen Fraktion auf Mitglieder der zentralen Gruppe. Dabei kamen mindestens sieben erwachsene M\u00e4nnchen und 17 Jungtiere ums Leben. Die tats\u00e4chliche Zahl der Opfer d\u00fcrfte h\u00f6her liegen, da mehrere Tiere spurlos verschwanden. Auch in den Jahren 2025 und 2026 wurden weitere Angriffe dokumentiert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Besonders ersch\u00fctternd ist die Tatsache, dass die Opfer keine Fremden waren. Anders als bei den h\u00e4ufig beobachteten Territorialkonflikten zwischen benachbarten Schimpansengruppen richtete sich die Gewalt gegen ehemalige Verb\u00fcndete. Die Tiere kannten sich teilweise seit ihrer Geburt. Sie hatten Nahrung geteilt, Koalitionen gebildet und gemeinsam Nachkommen gro\u00dfgezogen. Dennoch \u00fcberwog schlie\u00dflich die Zugeh\u00f6rigkeit zur neuen Gruppe gegen\u00fcber den alten sozialen Bindungen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Ursachen dieser Entwicklung bleiben Gegenstand intensiver Forschung. Eine monokausale Erkl\u00e4rung gibt es bislang nicht. Vielmehr scheint eine Kombination mehrerer Faktoren die Stabilit\u00e4t der Gemeinschaft untergraben zu haben. Die enorme Gruppengr\u00f6\u00dfe k\u00f6nnte die sozialen Beziehungen \u00fcberfordert haben. Hinzu kamen Konkurrenz um Nahrung und Fortpflanzungspartner sowie einschneidende demografische Ver\u00e4nderungen. Im Jahr 2014 starben mehrere wichtige erwachsene Tiere, darunter f\u00fcnf M\u00e4nnchen. Solche Individuen sind h\u00e4ufig die sozialen Br\u00fccken zwischen verschiedenen Untergruppen. Ein F\u00fchrungswechsel an der Spitze der Gemeinschaft k\u00f6nnte zus\u00e4tzliche Spannungen erzeugt haben. Schlie\u00dflich traf 2017 eine Atemwegsepidemie die Population und forderte 25 Todesopfer.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Konflikt besitzt auch deshalb wissenschaftliche Bedeutung, weil vergleichbare Ereignisse \u00e4u\u00dferst selten sind. Das bekannteste historische Beispiel stammt aus den 1970er-Jahren aus dem Gombe-Nationalpark in Tansania, wo die Primatologin Jane Goodall eine \u00e4hnliche Spaltung beobachtete. Doch die damaligen Daten waren l\u00fcckenhaft, und einige Forscher bezweifelten, ob die Beobachtungen verallgemeinerbar seien. Der Fall von Ngogo liefert nun erstmals eine nahezu l\u00fcckenlose Dokumentation des gesamten Prozesses \u2013 von den ersten Anzeichen sozialer Polarisierung bis hin zur offenen Gewalt.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Die weitreichenden Folgen eines seltenen Ereignisses<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr die Evolutionsforschung er\u00f6ffnet dies eine bemerkenswerte Perspektive. Schimpansen verf\u00fcgen weder \u00fcber Religionen noch \u00fcber politische Ideologien oder ethnische Identit\u00e4ten. Dennoch entwickelten sie eine scharfe Trennung zwischen \u00bbWir\u00ab und \u00bbSie\u00ab. Genau dieser Befund r\u00fcckt eine Hypothese in den Mittelpunkt, die als \u00bbRelational Dynamics Hypothesis\u00b9\u00ab bezeichnet wird. Ihr zufolge entstehen Konflikte nicht zwangsl\u00e4ufig aufgrund kultureller Unterschiede. Entscheidend k\u00f6nnten vielmehr Ver\u00e4nderungen sozialer Beziehungen sein. Wenn Bindungen schw\u00e4cher werden, Vertrauen schwindet und Gruppen sich voneinander isolieren, kann Gewalt auch ohne ideologische Rechtfertigung entstehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Parallelen zu menschlichen Gesellschaften sind offensichtlich, sollten jedoch mit Vorsicht interpretiert werden. Die Forscher betonen ausdr\u00fccklich, dass \u00bbSchimpansenkriege\u00ab nicht mit menschlichen B\u00fcrgerkriegen gleichgesetzt werden d\u00fcrfen. Menschen handeln in komplexen kulturellen, politischen und historischen Zusammenh\u00e4ngen. Dennoch zeigt der Fall Ngogo, wie schnell ehemals kooperative Netzwerke zerfallen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Gleichzeitig enth\u00e4lt die Studie auch eine optimistische Botschaft. Wenn soziale Beziehungen eine zentrale Ursache f\u00fcr Polarisierung und Gewalt darstellen, dann k\u00f6nnten genau diese Beziehungen auch Teil der L\u00f6sung sein. Konflikte erscheinen damit nicht als unvermeidliches Produkt biologischer Veranlagung, sondern als Ergebnis ver\u00e4nderbarer sozialer Gruppendynamiken. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Vergleich mit Bonobos, den anderen n\u00e4chsten Verwandten des Menschen. Obwohl auch sie Aggressionen zeigen, entwickeln sie deutlich h\u00e4ufiger tolerante und kooperative Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der \u00bbB\u00fcrgerkrieg\u00ab von Ngogo liefert daher weit mehr als eine spektakul\u00e4re Geschichte aus dem Regenwald. Er gew\u00e4hrt einen seltenen Einblick in die Mechanismen, die Gemeinschaften zusammenhalten \u2013 und in jene Kr\u00e4fte, die sie auseinanderbrechen lassen. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet, dass die Grenzen zwischen Kooperation und Konflikt \u00fcberraschend fragil sein k\u00f6nnen. Gerade deshalb verdienen die allt\u00e4glichen Akte der Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung mehr Aufmerksamkeit, denn m\u00f6glicherweise beginnt Frieden nicht auf der Ebene gro\u00dfer Ideologien, sondern in den kleinen sozialen Beziehungen, aus denen jede Gemeinschaft besteht.<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Abstract des Beitrags aus \u00bbScience, Vol. 392, No. 6794\u00ab<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Territorialkonflikte bei Tieren k\u00f6nnen Aufschluss \u00fcber Aspekte menschlicher Kriegsf\u00fchrung geben, doch B\u00fcrgerkriege mit ihren sich wandelnden Gruppenidentit\u00e4ten wurden bislang noch nicht beobachtet. Wir berichten \u00fcber eine seltene, dauerhafte Spaltung innerhalb der gr\u00f6\u00dften bekannten Gruppe wildlebender Schimpansen (Pan troglodytes). Anhand von 30 Jahren Verhaltensbeobachtungen und Netzwerkanalysen beschreiben wir einen \u00dcbergang von Zusammenhalt zu Polarisierung im Jahr 2015 und die Entstehung zweier unterschiedlicher Gruppen bis zum Jahr 2018. In den folgenden sieben Jahren ver\u00fcbten Mitglieder einer Gruppe 24 Angriffe, bei denen mindestens sieben ausgewachsene M\u00e4nnchen und 17 Jungtiere der anderen Gruppe get\u00f6tet wurden. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Gruppenidentit\u00e4ten bei einem unserer n\u00e4chsten lebenden Verwandten verschieben und zu t\u00f6dlicher Feindseligkeit eskalieren k\u00f6nnen, ohne dass die kulturellen Merkmale vorhanden sind, die oft als notwendig f\u00fcr die menschliche Kriegsf\u00fchrung angesehen werden.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 9pt; color: #000000;\"><small>\u00b9Die \u00bbRelational Dynamics Hypothesis\u00ab (auf Deutsch meist als Relationsdynamik-Hypothese \u00fcbersetzt) ist ein Erkl\u00e4rungsansatz aus der Verhaltensforschung, Anthropologie und Soziologie. Sie besagt, dass sich soziale Gruppen allein durch die Verschiebung von zwischenmenschlichen Beziehungen und lokalen Rivalit\u00e4ten spalten k\u00f6nnen. Bisher wurde kollektive Gewalt oder Krieg oft durch die Hypothese der kulturellen Marker (Cultural Marker Hypothesis) erkl\u00e4rt. Diese besagt, dass Menschen sich vor allem durch Religion, Sprache oder Ideologie definieren und bek\u00e4mpfen. Die \u00bbRelational Dynamics Hypothesis\u00ab geht jedoch davon aus, dass so etwas wie ethnische oder politische Abgrenzungen nicht zwingend notwendig sind, um Feindseligkeiten auszul\u00f6sen.<\/small><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 9pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 RiskCompass \u203aStrategic Horizon Report\u2039. Foto: Pixabay. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterst\u00fctzend AI eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung f\u00fcr den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im dichten Regenwald des Kibale-Nationalparks in Uganda spielt sich seit einigen Jahren ein Drama ab, das selbst erfahrene Primatenforscher \u00fcberrascht (siehe Science: \u00bbLethal conflict after group fission in wild chimpanzees\u00ab). Eine der weltweit am besten untersuchten Schimpansenpopulationen, die sogenannte Ngogo-Gemeinschaft, ist auseinandergebrochen. Aus ehemaligen Gef\u00e4hrten wurden erbitterte Gegner. 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